Als der englisch-amerikanische Botaniker Ernest Henry Wilson 1913 nach seinen Expeditionen durch das revolutionäre China bilanzierte, das Land werde wie der Phönix neu erstehen und eines Tages gemeinsam mit dem Westen das Schicksal der Welt bestimmen, konnte er nicht ahnen, mit welch überwältigender Kraft sich seine Prophezeiung erfüllen würde. Mehr als ein Jahrhundert später hat sich das Antlitz Chinas tiefgreifend gewandelt – und jede Reise durch das Land macht dies eindrucksvoll erfahrbar.
Im September 2025 begab ich mich auf eine 14-tägige Rundreise durch das gegenwärtige China, nicht zuletzt als Bauingenieur war ich gespannt darauf, Wilsons Vision mit eigenen Augen zu überprüfen.
Mit China-Air ging es mit freundlichem Service von Frankfurt a. M. nach Peking.
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Reiseverlauf
Bilder und Videos von der Reise
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Mein chinesischer Nachbar im Flugzeug nach Peking, mit dem ich mich bis weit nach Mitternacht hervorragend über die jüngere Geschichte ab WK I austauschen konnte.
Peking, die pulsierende Hauptstadt Chinas, ist ein Schmelztiegel aus Geschichte und modernster Technologie. Mit über 21 Millionen Einwohnern gilt die Stadt 2025 als bedeutendes Zentrum für Wirtschaft, Kultur und Innovation, geprägt von einem dynamischen Umbruch – zwischen ehrwürdigen Kaiserpalästen und gläsernen Wolkenkratzern, Smart-City-Technologien und dichtem Verkehrsnetz. Chinas frühe Innovationen legten zentrale Grundlagen für viele asiatische und europäische Zivilisationen. In China wurde das Papier, der Buchdruck, das Schießpulver und der Kompass erfunden: alles technologische Durchbrüche mit globaler Wirkung. Medizin, Agrarwissenschaft, Mathematik (z.B. das Zahlensystem), Astronomie und Hydraulik wurden früh entwickelt und dokumentiert. Die Chinesische Schrift entstand vor über 3.000 Jahren und ist Grundlage für eine reichhaltige Literatur und Verwaltung. Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus prägten Ethik, Bildung und Gesellschaft tiefgreifend.
Quartier für drei Übernachtungen: The Kunlun mit Drehrestaurant im 29. Stockwerk
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Abends im Drehrestaurant
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Vom Hotel fußläufig zu erreichen: Eine Parklandschaft, die zum Erholen genutzt wird
Die Verbotene Stadt im Herzen Pekings war jahrhundertelang der kaiserliche Palast der Ming- und Qing-Dynastien und ist heute UNESCO-Weltkulturerbe sowie ein Symbol für kaiserliche Macht und chinesische Baukunst. Sie wurde zwischen 1406 und 1420 uner Kaiser Yongle, dem dritten Kaiser der Ming-Dynastie, errichtet. Der Bau entstand mit Hilfe von Hunderttausenden Arbeitern und Kunsthandwerkern. Die Verbotene Stadt diente bis 1911 als kaiserlicher Palast und war wegen ihres Zugangsverbots für das einfache Volk Namensgeberin.
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In netter Begleitung vor dem Kaiserpalast
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Direkt südlich der Verbotenen Stadt schließt sich der Platz des Himmlischen Friedens (Tian’anmen-Platz) an, einer der größten öffentlichen Plätze der Welt, der sowohl für nationale Zeremonien als auch als historischer Schauplatz politischer Ereignisse bekannt ist.
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Platz des Himmlischen Friedens samt Aufbauten zur Siegesparade am 3.9.2025
Von diesem geschichtsträchtigen Platz wollte ich eine Videobotschaft nach Deutschland schicken:
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Nach den Grußworten machte ich einen 360Grad-Schwenk und schon standen zwei Polizisten neben mir, die die Aufnahme beendeten.
Die Polizei rief meinen Reiseleiter herbei, der meinen Handzettel übersetzte. Da es nichts zu beanstanden gab konnte ich mich weiter frei auf dem Platz bewegen und auch fotografieren. Eine Videobotschaft war jedoch ausgeschlossen.
Den Besuch der chinesischen Mauer empfand ich als einen der Höhepunkte auf der China-Rundreise. Die Chinesischen Mauer wurde als militärische Verteidigungsanlage zum Schutz vor Einfällen nomadischer Reitervölker aus dem Norden – vor allem Mongolen und Mandschu – errichtet und über viele Dynastien hinweg ausgebaut. Ihr Bau diente auch dazu, Handels- und Grenzkontrollen zu sichern sowie ein symbolisches Zeichen für die Macht des Kaisers und die Abgrenzung zur "Barbarenwelt" zu setzen.
Das imposanteste Bauwerk Chinas zieht sich auf über 21.000 Kilometern durch das Land, meist entlang schroffer Bergrücken im Norden. Sie wurde erstmals im 7. Jahrhundert v. Chr, begonnen, baulich zusammengeführt ab 221 v. Chr. unter Kaiser Qin Shihuangdi und über viele Dynastien hinweg immer wieder ausgebaut – besonders unter der Qin-, Han- und Ming-Dynastie. über Jahrhunderte hinweg erbaut und diente ursprünglich der Sicherung wichtiger Handelswege. Der Bau erstreckte sich somit über mehr als 2.000 Jahre.
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Sogar Formziegel wurden verwendet.
Schon auf der ersten Etappe Peking-Xian blendete die technische Perfektion der Infrastruktur:
Der Hochgeschwindigkeitszug, Symbol und Stolz der chinesischen Ingenieurskunst (für 80 Millionen Euro haben die Chinesen von Siemens das Patent abgekauft), überwand die rund 1.300 Kilometer zwischen Peking und Xian in nur fünfeinhalb Stunden – pünktlich auf die Minute. Die Züge gleiten mit bis zu 350 Stundenkilometern durch die Landschaft und verbinden Megastädte und abgelegene Regionen so reibungslos, dass Fernreisen zum Alltag geworden sind. Die Eleganz der Bahnhöfe, die Automatisierung der Abläufe und die absolute Zuverlässigkeit der Züge beeindrucken selbst erfahrene Europäer.
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Bahnhof Peking – jeder Fahrgast muss eine Sitzreservierung haben
Diese Leistungen sind nur durch ein Schienennetz auf höchstem Niveau samt vieler imponierender Brückenbauwerken möglich.
Am 28. September 2025 wurde in China die mit 625 Metern höchste Brücke der Welt nach einer rund dreijährigen Bauzeit offiziell eröffnet: die Huajiang-Schlucht-Brücke in der südwestchinesischen Provinz Guizhou. Sie überspannt in rekordverdächtiger Höhe den Beipan-Fluss und verkürzt die Fahrtzeit durch die tief eingeschnittene Schlucht von mehreren Stunden auf nur wenige Minuten. Das Bauwerk ist ein technisches Meisterstück des Hängebrückenbaus – die Hauptspannweite beträgt 1.420 Meter, die Gesamtlänge fast 2.900 Meter.
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Huajiang Grand Canyon Bridge (Screenshot)
Die Konstruktion gilt als eine der spektakulärsten der Gegenwart und setzte neue Maßstäbe im internationalen Ingenieurwesen. Die Brücke ist ein Symbol der chinesischen Innovationskraft und Infrastrukturpolitik: 18 der 20 höchsten Brücken der Welt stehen inzwischen in China.
Sie kostete rund 3 Milliarden US-Dollar und wurde mit massiven staatlichen Mitteln finanziert.
Auch nach Abschluss der Bauarbeiten bleibt die Skepsis, ob sich der enorme wirtschaftliche Nutzen langfristig für die Region einstellen wird, oder ob vor allem nationale Prestige und Symbolkraft im Vordergrund stehen
In Xian erwartete mich Geschichte zum Anfassen: Die große Moschee aus dem 7. Jahrhundert, unversehrt zwischen leuchtenden Glasfassaden. In einer pulsierenden Einkaufsstraße, in der grell-laute Imbißbuden zum Verzehr auffordern, befindet sich die alte Koranschule (mit Pagodendach).
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Eingang zur Moschee (7. Jahrhundert)
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Am frühen Morgen des Folgetages ging es zur weltberühmten und vielbesuchten Ausgrabungsstätte der Terrakottaarmee – ein Zeugnis jahrtausendealter Hochkultur.
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Die berühmte 1974 bei Brunnenarbeiten entdeckte "tönernde Armee" besteht aus 8.000 lebensgroßen Tonkriegern – Fußsoldaten, Kavalleristen, Wagenlenker, Generäle und Offiziere – die zur Grabstäte des ersten chinesischen Kaisers Qin Shi Huangdi der Qin-Dynastie (221-206 v. Chr.) gehörten. Die von geschätzt 700.000 Arbeitern und Künstlern geschaffene Armee – keine zwei der zwischen 1,85 und knapp 2m großen Soldaten gleichen einander vollständig – diente symbolisch dazu, den Herrscher auch im Jenseits mit Soldaten und Waffen gegen Feinde zu schützen.
Unter dieser Dynastie wurde China erstmalig als Einheitsstaat vereint. Kaiser Qin begann auch den Bau der Großen Mauer.
Und während die Vergangenheit Ehrfurcht gebietend stillsteht, dreht sich außerhalb der Mauern das Zukunftsrad mit rasender Geschwindigkeit weiter.
Das nächste Etappenziel, die Yangtse-Schifffahrt, begann in Chinas Groß-Metropole Chongqing mit ihren 34 Millionen Einwohnern bei einer Flächengröße Österreichs, führte durch malerische Schluchten und endete am chinesischer Großprojekt, dem Drei Schluchtenstaudamm:
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Zwischen Chongqing und YiChang auf dem Yangtse
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Skyline von Chongqing – auch Magnet für junge Motorradfahrer
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Auf dem Yangtse Einschiffung auf die "Victoria Cruises":
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Einfahrt in die drei Schluchten Qutan,-Wu- und Xiling-Schlucht
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Mit kleinen Booten in die Minischluchten des Nebenflusses Shennong
Es folgen
Teil 2: Faszination und Beklommenheit angesichts atemberaubender Entwicklungen
Teil 3: China im Focus westlicher Geopolitik
Von Wolfgang Effenberger 14.06.2026
Buch: Krieg als System jetzt bestellen
Rede anlässlich der Vorstellung des Buches „Vom Krieg zur Weltordnung. Reden und Essays zu Krieg, Frieden und Geopolitik 2009 – 2026“ am 14. Juni 2026
Veröffentlicht unter afsaneyebahar.com
Kriege entstehen heute weder zufällig noch "aus Versehen" – sie sind fast immer das Ergebnis strukturierter Machtpolitik, ökonomischer Interessen und bewusst aufgebauter Narrative, die Konflikte lange im Voraus vorbereiten. Zugleich bleiben sie eingebettet in tiefer liegende Widersprüche des Welt- und Kapitalismussystems, die militärisch "verwaltet" werden, sobald zivile Steuerung an Grenzen stößt. 1
Imperiale Logik als Machtordnung
Die historische Konfliktforschung ist sich relativ einig: Kriege haben fast nie eine einzige Ursache, sondern entstehen aus einem Bündel von strukturellen Widersprüchen, Interessen und Entscheidungen. Klassisch ist seit Jahrhunderten ein Mix aus: Machtstreben, Kontrolle von Territorien und Ressourcen, ideologische bzw. religiöse Überhöhungen der Konstruktion eines „Feindes“. In modernen imperialen Konstellationen kommt hinzu, dass Großmächte ihre Hegemonie nicht nur verteidigen, sondern aktiv ordnungspolitisch ausdehnen wollen – militärisch, ökonomisch, technologisch und narrativ. 2
So ist die Verhinderung einer regionalen Hegemonie in Eurasien eine Kerndoktrin der US-Geostrategie seit dem 20. Jahrhundert. In Analysen des wissenschaftlichen Dienstes des US-Kongresses3 wird wiederholt betont, dass viele militärische Operationen der USA im 1. und 2. Weltkrieg sowie nach 1945 das Ziel hatten, das Entstehen eines dominanten eurasischen Machtblocks zu verhindern. Diese Linie setzt die klassische Geopolitik von Halford Mackinder fort, der Eurasien als "Weltinsel" und Schlüssel zur
globalen Vorherrschaft beschrieb. 4
Seit 1945 formulieren dies die USA offen in der Logik des "Containment" gegen den sowjetischen Einfluss und später in der Sicherung einer eigenen Einflusssphäre durch Militärbündnisse, Stützpunkte und Interventionsfähigkeit weltweit. In vielen Strategiepapieren wird ganz nüchtern über "Wahrung nationaler Interessen", "Projektion von Macht" und "Zugang zu Märkten/Ressourcen" gesprochen – eine saubere technokratische Sprache für im Kern imperiale Zielsetzungen. 5
Konkret schlägt sich das nieder in einer globalen Militärbasenstruktur von Europa über den Nahen Osten bis Ostasien, in Bündnissystemen wie der NATO oder bilateralen Sicherheitsabkommen in Asien und in wiederkehrenden Interventionen, die das regionale Gleichgewicht zu Gunsten der USA beeinflussen sollen. 6
Offiziell werden diese Einsätze meist mit Menschenrechten, Terrorismusbekämpfung oder Stabilisierung begründet, während interne Dokumente und Strategiepapiere nüchtern von "Vorwärtsverteidigung", "Zugangs- und Projektionsfähigkeit" und "Aufrechterhaltung der regelbasierten Ordnung" sprechen.7
Vom Papier zum Schlachtfeld: TRADOC 525-3-1
TRADOC Pamphlet 525-3-1 "Win in a Complex World 2020–2040" vom September 2014 ist ein Schlüsseldokument, weil es zeigt, wie strategische Ziele in konkrete militärische Planung übersetzt werden. Das Papier beschreibt, wie künftige US-Heereskräfte „als Teil gemeinsamer und multinationaler Operationen“ eingesetzt werden sollen, um US-Interessen global zu schützen. 8
Die Armee soll in allen Domänen – Land, Luft, See, Weltraum, Cyber – gleichzeitig wirken können (multi- domain operations)9 – und befähigt werden, in „komplexen, umstrittenen Umgebungen“ gleichzeitig zu kämpfen, zu stabilisieren und politisch zu beeinflussen. 10
Das Konzept versteht sich ausdrücklich als militärische Ausgestaltung einer globalen Ordnungspolitik. 11
Kriege sind in dieser Logik kein "Versagen der Diplomatie", sondern eine einkalkulierte Option innerhalb eines längerfristigen Designs, wie die USA ihre Vorherrschaft in einer multipolarer werdenden Welt behaupten wollen. Die „Komplexität“ der Welt wird zum technischen Problem erklärt, das durch flexible, hochmobile, weltweit verfügbare Gewaltmittel "gelöst" werden soll. 12
Wie haltbar ist die These vom demokratischen Frieden?
Es wird immer behauptet,13 Demokratien führten untereinander (fast) keine Kriege („separater Frieden“) und seien insgesamt weniger kriegslustig als Nicht-Demokratien. Wenn man den ideologischen Ballast abräumt, bleiben drei nüchterne Einsichten: 14
Ja, die statistische Beobachtung, dass konsolidierte Demokratien untereinander relativ selten Krieg führen, ist robust.
Ja, bestimmte Institutionen (Transparenz, Partizipation, Rechtsstaat) können kriegshemmend wirken – vor allem, wenn die Öffentlichkeit tatsächlich informiert ist und Alternativen hat.
Nein, Demokratie schützt weder automatisch vor Aggression nach außen noch vor gewaltförmiger Krisenverwaltung nach innen und außen.
Man sollte den demokratischen Frieden also nicht als moralische Lizenzkarte für Interventionen missverstehen. Entscheidend ist nicht nur die Regierungsform, sondern die konkrete Macht-, Klassen- und Interessenstruktur – also: Wer hat ökonomische Macht, wer bestimmt Sicherheitsdiskurse, wie stark sind Medien konzentriert, wie autonom sind Parlamente?
Echte Friedensfähigkeit demokratischer Gesellschaften hängt davon ab, ob sie ihre eigenen imperialen Interessen, Rüstungsabhängigkeiten und Bedrohungsnarrative reflektieren und begrenzen können – nicht davon, wie oft sie "Demokratie" sagen.
Die Theorie des demokratischen Friedens ist zumindest teilweise ein Mythos – und sie wird in imperialen Kontexten gezielt genutzt, um Kriege als Mittel zur "Verbreitung des Friedens" zu verkaufen. 15
Der demokratische Frieden kann innerhalb eines hegemonialen Blocks eine relative Ruhezone schaffen, ändert aber nichts an der strukturellen Kriegsgefahr, die aus der machtpolitischen Grundkonstellation von aufsteigenden und etablierten Mächten entsteht („Thukydides-Falle“). Der Ausdruck Thukydides-Falle stammt von Graham Allison und beruht auf Thukydides’ Analyse des Peloponnesischen Kriegs: Der Aufstieg der expansiven, maritimen Demokratiemacht Athen im 5. Jahrhundert v. Chr. war eine
Bedrohung für den konservativ-oligarchischen Militärstaat Sparta.
Übertragen heißt das:16 Wenn eine aufsteigende Macht eine etablierte Hegemonialmacht ernsthaft herausfordert, steigt die Kriegsgefahr massiv. Allison findet in seiner berühmten Studie eine hohe Quote historischer Fälle, in denen der Aufstieg einer Macht zu Krieg mit der alten Hegemonie führte. In der Gegenwart wird dieser Rahmen vor allem auf das Verhältnis USA–China angewandt. 17
Mythos von friedlichen Demokratien am Ersten Weltkrieg entzaubert
1888, als Friedrich III. kurz Kaiser war, flammte die Liebesgeschichte seiner Tochter Viktoria mit Alexander von Battenberg, Fürst von Bulgarien noch einmal auf, scheiterte aber endgültig an Bismarcks Rücktrittsdrohung und am Einspruch von Königin Victoria in London, so dass Viktoria und Alexander nie heirateten. Für Otto von Bismarck war Alexander wegen seiner Konflikte mit Russland außenpolitisch "brandgefährlich", weshalb er beim Kaiser ein Verbot der Ehe durchsetzte, um das Bündnis mit dem Zaren
nicht zu gefährden.
Aus diesen Tagen (7. April 1888) ist von Otto von Bismarck folgendes Zitat überliefert: „Menschlichkeit, Friede und Freiheit ist immer ein Vorwand, wenn es nicht Christentum und Ausbreitung der Segnungen der Gesittung unter Wilden und Halbbarbaren sein kann, zur Abwechslung. In Wahrheit aber schrieben die Times und die Königin im Interesse von England, das mit dem unsern nichts gemein hatte. Das Interesse Englands ist, dass das Deutsche Reich mit Rußland schlecht steht, unser Interesse, dass wir mit ihm so gut stehen, als es der Sachlage nach möglich ist.“ 18
Zur gleichen Zeit hatte Papst Leo XIII. am Heiligen Stuhl den 32jährigen russischen Diplomaten Alexander Petrowitsch Iswolski auf Anregung aus England (15. Duke of Norfolk) als Gesandten akkreditiert, der von hier aus die Annäherung Russlands an Frankreich gezielt und erfolgreich betrieb. Schon im Juli 1891stattete ein französisches Flottengeschwader Kronstadt einen Freundschaftsbesuch ab, im August 1892 wurde zunächst eine geheime Militärkonvention zwischen Russland und Frankreich abgeschlossen,1893 folgte der Gegenbesuch eines russischen Geschwaders in Toulon, was die neue Nähe der beiden Staaten demonstriert. Im Januar 1894 trat dann die Französisch-Russische Allianz als formeller Defensivvertrag in Kraft.
Nach Rom durchlief Iswolski als Gesandter nachfolgende Stationen: Belgrad (kurz), dann München 1897– 1899, Tokio 1899–1903 und Kopenhagen 1903–1906. 1906 berief Zar Nikolaus II. Iswolski zum russischen Außenminister.
Er verfolgte einen Kurs der Annäherung an Großbritannien und schloss 1907 das Abkommen von Sankt Petersburg, das Kolonialkonflikte in Afghanistan, Persien und Tibet regelte und den Weg zur britisch- russischen Verständigung des "Great Game" freimachte. 1910 wurde Iswolski russischer Botschafter in Paris, ein Amt, das er bis zur Revolution 1917 innehatte.
In dieser Zeit setzte er sich energisch für das französisch-russische Bündnis und die Festigung des späteren Kriegsblocks der Alliierten gegen das Deutsche Reich ein. Nach der Russischen Revolution blieb Iswolski im Exil in Frankreich, unterstützte politische und militärische Interventionen gegen Sowjetrussland und blieb bis zu seinem Tod 1919 eine Stimme der monarchistisch-konservativen Emigration. Ihm wird die Aussage zugeschrieben, er sei „der Vater dieses Krieges“. 19
Während Deutschland nach der Reichsgründung 1871 bis zum August 1914 keine Kriege gegen andere Nationen führte, zeichnete sich die britische Kriegführung vor allem im zweiten Burenkrieg (1899-1902) durch besondere Brutalität aus, wobei Konzentrationslager und systematische Zivilinternierung Teil der Kriegsführung waren. 20
Die Erkenntnisse aus dem für England desaströsen Burenkrieg führten 1904 zur Gründung des "Committee of Imperial Defence" (CID), das in der Folge am Parlament vorbei systematisch Pläne für einen kontinentalen Krieg entwickelte. Die Entente Cordiale mit Frankreich 1904 und die Entente mit Russland 1907 schufen ein Bündnissystem, das Deutschland einkreiste. Großbritannien hatte bereits vor 1914 konkrete militärische Planungen für den Einsatz eines Expeditionskorps auf dem Kontinent entwickelt.
Die britische Seeblockade Deutschlands wurde systematisch vorbereitet. Die Royal Navy plante die wirtschaftliche Strangulierung Deutschlands durch die Kontrolle der Seewege. Diese Blockade wurde wenige Wochen nach Kriegsbeginn umgesetzt und führte zur Hungersnot in Deutschland mit Hunderttausenden zivilen Opfern.
Das CID arbeitete weitgehend im Geheimen. Die britische Öffentlichkeit und weite Teile des Parlaments wussten nicht, wie weitreichend die Verpflichtungen gegenüber Frankreich waren.
Die ersten britisch-französischen Sondierungen begannen bereits im Dezember 1905 unmittelbar nach dem Regierungswechsel von der konservativen Regierung Balfour hin zur liberalen Regierung unter Henry Campbell-Bannerman, in der Sir Edward Grey Außenminister (bis 1916) und Herbert Henry Asquith Schatzkanzler wurde.
1908 wurde Asquith dann Premierminister und blieb es bis zur Palastrevolution Anfang Dezember 1916; dabei wurde das Kabinett kurzerhand durch ein fünfköpfiges Kriegskabinett unter David Lloyd George ersetzt. Graue Eminenz in diesem autokratischen Gremium war Alfred Milner, ehemalige rechte Hand von Cecil Rhodes und Drahtzieher des 2. Burenkriegs (daher gibt es unter britischen Historikern auch die Bezeichnung „Milners first war“ und der 1. Weltkrieg „Milners second war“). Dieses kleine Fünfer-Gremium traf nun die zentralen Entscheidungen zur Kriegsführung.
Schon am 19. Dezember 1905 hatte im Reichsverteidigungsausschuss ein entscheidendes Treffen stattgefunden mit John French, Clarke, Lord Esher und Carles Ottley, der unmittelbar an Planung, Lagebeurteilungen und Geheimdienstfragen der britischen Seemacht beteiligt war. Die Konferenz kam zu dem Schluss, dass durch die Landung eines britischen Expeditionskorps in der Stärke von 100.000 Mann an der französischen Küste die beste Aussicht bestünde, das Kriegsgeschehen im eigenen Sinne zu beeinflussen. Dies geschah bereits 1905 – neun Jahre vor Kriegsausbruch. Die Planungen reichten also tatsächlich sehr weit zurück. 21
Ab 1906 führte auf britischer Seite Grierson, Leiter des militärischen Nachrichtendienstes, Gespräche mit dem französischen Militärattaché Huguet. Grierson teilte Huguet bereits die Einzelheiten der britischen Vorbereitungen für einen Krieg mit Deutschland mit und stellte klar, dass Großbritannien in einem französisch-deutschen Krieg nicht neutral bleiben werde. Die offiziellen Gespräche begannen im Januar 1906 mit dem Segen von Außenminister Grey, aber ohne Wissen der Regierung und des Unterhauses. 22
Die Brisanz lag nicht nur im Inhalt dieser Gespräche, sondern vor allem darin, dass sie vor dem britischen Parlament geheim gehalten wurden.23 Die britische Öffentlichkeit glaubte weitgehend, dass ihr Land keine festen Verpflichtungen gegenüber Frankreich habe, während die Generalstäbe längst detaillierte Kriegspläne ausgearbeitet hatten. 24
Französische Perspektive
Auf französischer Seite war man sich 1914 sehr klar über die bevorstehende Konfrontation. Präsident Poincaré erklärte im Januar 1914: "In zwei Jahren wird der Krieg stattfinden. All mein Trachten ist darauf gerichtet, uns dafür zu wappnen". Sein Generalstabschef ließ gegenüber den verbündeten Briten verlauten, "dass es für Frankreich besser sein würde, wenn der Konflikt nicht zu lange herausgeschoben würde". 25
Frankreich schloss mit Russland zahlreiche Militärkonventionen, da man davon ausging, Deutschland nur in einem Zweifrontenkrieg schlagen zu können. Die französische Regierung schürte 1913 gezielt die Angst vor einem deutschen Überraschungsangriff (attaque brusquée), um die Unterstützung für große Armeerüstungen zu gewinnen. 26
Entente cordiale – ab 1906 – de-facto-Militärbündnis gegen Deutschland
Die Militärgespräche zeigen, dass die Entente cordiale bereits ab 1906 faktisch zu einem Militärbündnis gegen Deutschland wurde. Die französischen und britischen Generalstäbe planten bereits den gemeinsamen Kampf gegen das Deutsche Reich, während die britische Regierung dies nach außen hin bestritt.27 Die jahrelangen systematischen Vorbereitungen stehen im Gegensatz zur Darstellung eines spontanen, durch die Julikrise ausgelösten Krieges. Sie belegen vielmehr eine langfristige strategische Planung für einen Krieg gegen Deutschland, der acht bis neun Jahre vor seinem Ausbruch bereits in konkreten militärischen Details vorbereitet wurde.
Wenige Tage nach dem Attentat von Sarajewo konzentrierte ab Mitte Juli der erste Lord der Admiralität Churchill 24 moderne Großkampfschiffe zum Manöver auf See. Nach dem Ende des Manövers am 28.
Juli 1914 entließ Churchill die Schiffe nicht wie üblich in die Friedensstützpunkte, sondern befahl volle Bereitschaft. Das war eindeutig eine offensive Maßnahme. Churchill beabsichtigte ausdrücklich ein "politisches Signal" – die Drohung mit militärischer Macht. 28
Die Fakten zeigen eine klare Asymmetrie: Wilhelm II. trat am 6. Juli seine traditionelle Nordlandreise nach Norwegen an, die er erst mit Churchills "politischem Signal" abbrach. Dies belegt, dass die deutsche Führung nicht mit einer unmittelbaren Kriegsgefahr rechnete.29 Während Deutschland bis dahin von einer diplomatischen Lösung ausging, hatten die Entente-Mächte Russland zu einem Vormarsch gedrängt, der noch vor der vollständigen Mobilmachung begann. 30
Der russische Vormarsch auf "Drängen der westlichen Entente-Staaten" vor dem Abschluss der eigenen Mobilmachung belegt eine koordinierte Planung. Russland opferte taktische Vorteile (vollständige Mobilmachung) zugunsten des strategischen Ziels, Deutschland sofort unter Druck zu setzen. Dies war nur sinnvoll im Rahmen einer abgestimmten Gesamtstrategie mit Frankreich und Großbritannien.31 Als Grey am 3. August 1914 vor dem Parlament sprach, verheimlichte er wichtige Details der Absprachen.
Einen Tag später erklärte England um 23:30 Deutschland den Krieg und schon in den ganz frühen Morgenstunden operierte die britische Marine vor Emden und schnitt aus dem deutsch-amerikanischen Atlantikkabel 100 Meter heraus.
Jüdische Perspektive und Judenzählung
Am 7. August 1914: 2 Tage nach der britischen Kriegserklärung an Deutschland war in der Jüdischen Rundschau der Aufruf zu lesen: Deutsche Juden!
„In dieser Stunde gilt es für uns aufs neue zu zeigen, dass wir stammesstolzen Juden zu den besten Söhnen des Vaterlandes gehören. Der Adel unserer viertausendjährigen Geschichte verpflichtet. Wir erwarten, dass unsere Jugend freudigen Herzens freiwillig zu den Fahnen eilt…“
In Tunis wurde das Ehepaar Feuchtwanger vom Kriegsausbruch überrascht und dort interniert. Lion Feuchtwanger, Sohn eines orthodox-jüdischen, deutsch patriotischen großbürgerlichen Margarinefabrikanten, entkam und schlug sich nach München durch, wo er unverzüglich seinen Militärdienst antrat.
„...[M]it einem starken Glücksgefühl, mit leuchtenden Augen ... im Augenblick einer nationalen Erhebung ohnegleichen eilten auch alle jene zu den Fahnen, „die sich im deutschen Vaterland zur mosaischen Religion bekennen,“
schrieb am 4. September 1914 Magarete Marasse auf der Titelseite der Allgemeinen Zeitung des Judentums unter der Überschrift "Der heilige Krieg" über die Stimmung der jüdischen Bürger im Kaiserreich:
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Auch US-amerikanische jüdische Zeitungen kritisierten 1914 England scharf für seine Unterstützung des barbarischen russischen Autokratenregimes. So bedauerte der "Reform Advocate", dass „der englische Feinsinn und Franzosen mit den Russen zusammengehen. "The American Israelite" schrieb: „Die Einmischung Englands in einen Kampf, dessen Hauptzweck die Erhaltung des Kosakenherrschaft ist, mit ihrer Beugung jedes menschlichen Fortschritts, wäre eine solche furchtbare Schmach für die Menschheit wie für die englischen Interessen, dass wir kaum daran zu denken wagen.“ 32
Für die deutschen und österreichischen Juden ging es im Krieg gegen das Zarenreich auch um die Befreiung der russischen Juden von dem Joch des Zaren. Im Zarenreich waren die Juden nicht nur systematisch unterdrückt, sondern auch Opfer gewalttätiger Pogrome geworden. Über zwei Millionen russischer Juden waren in den Jahrzehnten vor dem Krieg nach Amerika geflüchtet.33 Viele deutsche Juden sahen den Krieg gegen Russland als unabdingbare Notwendigkeit, um der Unterdrückung der osteuropäischen Juden durch den Zaren entgegenzuwirken.
Der moralische Widerspruch des britischen Bündnisses
Der Widerspruch war tatsächlich eklatant: Großbritannien, das sich als konstitutionelle Demokratie und Hort der Freiheit darstellte, verbündete sich mit dem despotischen Zarenreich, das für systematische Judenverfolgung, Pogrome und die Verweigerung grundlegender Menschenrechte bekannt war. Die russische Revolution von 1905 hatte gezeigt, wie brutal das zaristische Regime mit Minderheiten umging.34 Gleichzeitig führte dieses demokratische England Krieg gegen das Deutsche Kaiserreich, das trotz seiner autoritären Züge ein Rechtsstaat mit allgemeinem Männerwahlrecht, einem gewählten Parlament und rechtlicher Gleichstellung der Juden war. Deutsche Juden waren gleichberechtigte Staatsbürger mit Zugang zu Bildung, Wirtschaft und Kultur. 35
Die nachgewiesene direkte Verwicklung serbischer Militärs und Geheimdienststrukturen in das Attentat vom 28. Juni 1914 lässt das österreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien, das die Aufklärung dieser Verbindungen forderte, heute in einem anderen Licht erscheinen. 30 Tage nach dem Attentat erklärte Österreich bei eindeutiger Beweislage Serbien den Krieg. Zum Vergleich: Die USA griffen nur 27 Tage nach 9/11 Afghanistan an und hinterließen nach 20 Jahren nur verbrannte Erde. Bis heute konnte Afghanistan keine Verwicklung in das Attentat nachgewiesen werden.
Der Kontrast hätte 1914 kaum größer sein können: Während im Deutschen Kaiserreich rechtliche Gleichstellung, Zugang zu Bildung und höheren Berufen und kulturelle Blüte des deutsch-jüdischen Lebens herrschte, trotz fortbestehender Vorurteile in Teilen der Gesellschaft,36 gab es im Zarenreich systematische Unterdrückung, Pogrome mit staatlicher Duldung oder Beteiligung, Ansiedlungsbeschränkungen (Pale of Settlement) und massive Auswanderung. 37
Im Gegensatz zum Zarenreich gab es im hochgradig pluralistischen Kaiserreich mit einem modernen Parteiensystem gesellschaftliche Demokratisierungstendenzen. Im Gegensatz zu England war das Wahlrecht nicht eingeschränkt (dort war nur ein Drittel der erwachsenen Männer wahlberechtigt). Bei den Wahlen 1910 gewann Labour nur 6% der Sitze im Unterhaus. Trotz eingeschränkten Wahlrechts hatte das Parlament die zentrale politische Macht. 38
Im Gegensatz zu England befand sich Deutschland in einer strategisch schwierigen Mittellage zwischen Frankreich und Russland. Diese Einkreisungssituation prägte die deutsche Sicherheitspolitik fundamental. Anders als Großbritannien, das als Inselreich durch die Royal Navy geschützt war, musste Deutschland potenzielle Zweifrontenkriege einkalkulieren. 39
Wie konnte die "demokratische" Entente mit einem Regime verbündet sein, das Pogrome duldete und Millionen Juden zur Flucht zwang, während sie gleichzeitig gegen ein Land kämpfte, in dem Juden als gleichberechtigte Staatsbürger lebten und sich als Teil der Nation verstanden? Diese Paradoxie wurde von jüdischen Intellektuellen durchaus wahrgenommen, auch wenn sie in der offiziellen Kriegspropaganda beider Seiten ausgeblendet wurde. Die Tatsache, dass Großbritannien und Frankreich den zaristischen Despotismus als Bündnispartner gegen das konstitutionelle Deutsche Kaiserreich akzeptierten, offenbarte, dass geopolitische Machtinteressen die moralischen Prinzipien deutlich überwogen.
Die treibenden Kräfte hinter der Judenzählung
Die "Judenzählung" war das Ergebnis eines politischen Kräftezerrens, an dessen Ende der Erlass des Preußischen Kriegsministeriums stand. Antisemitische Organisationen wie der "Trutz und Schutz Bund" und der "Reichshammerbund" nutzten die Kriegsmüdigkeit, um die Verantwortung für den desolaten Zustand den Juden zuzuschieben.40 Die Initiative zur "Judenzählung" im kaiserlichen Heer 1916 kam offiziell als Reaktion auf angeblich in weiten Kreisen der Bevölkerung erhobene Vorwürfe gegen angebliche Drückebergerei der Juden im Heer.
Aber wer genau streute diese Gerüchte? Wer finanzierte und organisierte die antisemitischen Verbände, die 1916 plötzlich so aktiv wurden?41 Die Judenzählung hatte eine verheerende Wirkung: Sie trieb einen Keil zwischen deutsche Juden und nichtjüdische Deutsche genau zu einem Zeitpunkt, als die deutsche Kriegsanstrengung maximale innere Einheit erfordert hätte.42 Wer profitierte davon?
Die Entente-Mächte: Eine gespaltene deutsche Gesellschaft schwächte die Kriegsmoral und Kampfkraft. Wenn jüdische Deutsche sich nicht mehr voll mit dem Kaiserreich identifizierten, reduzierte das die Widerstandsfähigkeit der Heimatfront.
Zukünftige revolutionäre Kräfte: Die Entfremdung zwischen Juden und dem Kaiserreich schuf Potenzial für spätere revolutionäre Umwälzungen.
Britische Interessen: Großbritannien hatte ein vitales Interesse daran, Deutschland zu schwächen. Psychologische Kriegsführung gehörte zum Arsenal.
Die Entente-Mächte, insbesondere Großbritannien, betrieben umfangreiche Propaganda- und Desinformationskampagnen gegen Deutschland. Es wäre naiv anzunehmen, dass diese sich nur auf neutrale Länder konzentrierten und nicht versuchten, auch innerhalb Deutschlands Zwietracht zu säen.
Die Tatsache, dass die antisemitische Propaganda ausgerechnet 1916 – im kritischsten Kriegsjahr – so massiv auftrat, ist auffällig. 1916 war auch das Jahr, in dem die materielle Überlegenheit der Entente zunehmend zum Tragen kam und Deutschland unter maximalen Druck geriet.
Finanzierung antisemitischer Verbände
Die Frage, wer die antisemitischen Organisationen finanzierte, die 1916 so aktiv wurden, ist historisch nicht vollständig geklärt. Es gab im Kaiserreich sicherlich einheimische antisemitische Strömungen, aber die plötzliche Intensivierung und Koordination der Kampagne gegen jüdische Soldaten wirft Fragen auf.
Hätten ausländische Geheimdienste ein Interesse gehabt, solche Organisationen zu unterstützen oder zu instrumentalisieren? Die Antwort ist eindeutig ja – jede Spaltung der deutschen Gesellschaft diente den Kriegszielen der Entente.
Reaktion Wilhelms II. als Indiz
Die empörte Reaktion Kaiser Wilhelms II., der den verantwortlichen General sofort an die Front kommandierte, deutet darauf hin, dass die Maßnahme nicht von der obersten Staatsführung ausging, sondern von Kräften innerhalb des Militärapparats initiiert wurde, die möglicherweise manipuliert oder infiltriert waren.
Wilhelm II. erkannte offenbar die destruktive Wirkung dieser Maßnahme auf die nationale Einheit und versuchte, sie zu unterbinden. Dies spricht dafür, dass die Initiative tatsächlich von Kräften ausging, die nicht im deutschen Staatsinteresse handelten.
Die langfristige Wirkung
Die Zerschlagung Deutschlands als kontinentale Macht war ein britisches Kriegsziel. Die dauerhafte Schwächung und innere Zerrüttung Deutschlands durch die Saat des Misstrauens zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen diente diesem Ziel perfekt.
Die historische Forschung hat sich bisher wenig mit der Frage beschäftigt, ob und inwieweit ausländische Geheimdienste die antisemitische Propaganda von 1916 befeuerten oder gar initiierten. Die deutsche Militärführung im Ersten Weltkrieg hatte durchaus Strukturen zur Abwehr feindlicher Propaganda, reagierte jedoch insgesamt zu defensiv und erkannte die Bedrohung durch Zersetzungspropaganda zu spät. Die deutsche Propaganda arbeitete kaum mit der Dämonisierung der Gegner. Das Selbstverständnis der Deutschen als Kulturvolk sollte betont werden. 43
Vergleich mit moderner Erfahrung
Die modernen Beispiele zeigen, wie Geheimdienste heute arbeiten: Gezielte Fake-News-Kampagnen gegen deutsche Soldaten in Litauen, etwa erfundene Vergewaltigungsvorwürfe oder angebliche Friedhofsschändungen. Die NATO reagiert heute sofort mit Untersuchungen und öffentlichen Richtigstellungen. 44 Im Ersten Weltkrieg fehlte diese schnelle, institutionalisierte Reaktionsfähigkeit. Die deutsche Militärführung war nicht darauf vorbereitet, dass der Feind systematisch versuchte, die deutsche Gesellschaft von innen zu zersetzen.
Cui bono? Wer hatte Interesse, den Österreichisch-ungarischen Thronfolger zu ermorden?
Ein trialistisches Österreich-Ungarn unter Franz Ferdinand hätte die südslawischen Völker integriert und damit sowohl Serbiens großserbische Ambitionen als auch Russlands panslawistische Politik konterkariert. Für die Entente, insbesondere Großbritannien und Frankreich, die auf russische Unterstützung gegen Deutschland setzten, wäre ein solches reformiertes Österreich-Ungarn problematisch gewesen. Ein slawenfreundlicher Franz Ferdinand als Kaiser hätte tatsächlich die Slawen gegen Russland positionieren können. Sein Tod beseitigte diese Möglichkeit.
Am 20. Juli 1917 – drei Jahre nach dem Attentat – unterzeichneten der serbische Premier Nikola Pašić unter britischer und französischer Patronage auf Korfu eine Vereinbarung über die Gründung eines vereinigten Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen unter der Herrschaft der serbischen Karađorđević-Dynastie. Die Entente-Mächte förderten aktiv die Zerschlagung Österreich-Ungarns und die Schaffung eines südslawischen Vielvölker-Staates. Das Datum – Juli 1917 – zeigt, dass dies kein nachträglicher Gedanke war, sondern ein aktives Kriegsziel während des Konflikts, das stringent verfolgt wurde: Bereits unter Edward VII. wurde die britische Außenpolitik neu ausgerichtet. Die Entente cordiale mit Frankreich (1904) und die Triple Entente mit Russland (1907) zielten auf die Einkreisung Deutschlands.
Die Ermordung Franz Ferdinands beseitigte den wichtigsten Befürworter einer föderativen, slawenfreundlichen Lösung innerhalb Österreich-Ungarns. Mit seinem Tod wurde der Weg frei für eine harte Konfrontationslinie gegenüber Serbien und letztlich für den Krieg, der zur Zerschlagung Österreich- Ungarns führte – genau das Ergebnis, das die Deklaration von Korfu 1917 formalisierte.45 Die Tatsache, dass serbische Militärs und Geheimdienste die Attentäter ausbildeten, während gleichzeitig die Entente- Mächte ein vitales Interesse an der Zerschlagung Österreich-Ungarns hatten, wirft Fragen auf, die in der offiziellen Geschichtsschreibung oft ausgeblendet werden.
Inzwischen scheint sich die amerikanische Sicht auf die Konflikte des 20. Jahrhunderts gewandelt zu haben. Der US-Geschichtsprofessor Paul Chamberlin wirft in seinem aktuellen und vielbeachteten Werk "Sorched Earth: A Global History of World War II" jedenfalls einen radikal neuen Blick auf den Zweiten Weltkrieg. Er sieht ihn nicht als Kampf zwischen Gut und Böse, sondern als brutalen Konflikt zwischen imperialen Mächten – auf allen Seiten. Chamberlin zeigt, dass sich die Alliierten und die Achsenmächte in ihrer kolonialen Ideologie, ihren Kriegsverbrechen und ihrem Umgang mit der Zivilbevölkerung oft erschreckend ähnlich waren. Diese Sichtweise darf problemlos auf den Ersten Weltkrieg übertragen werden.
Zur heutigen Kriegslegitimation
Die heutigen Kriege werden selten offen mit Macht, Territorium oder Profit begründet, sondern mit Erzählungen über Sicherheit, Werte, Menschenrechte und „Verantwortung“. Narrative sind dabei keine Dekoration, sondern zentrale Werkzeuge, um Unterstützung zu mobilisieren, Widerstand zu brechen und Widersprüche zu verdecken.46 Der Gegner wird als existenzielle Gefahr dargestellt („Terroristen“, „Schurkenstaat“, „Völkermord droht“), sodass militärische Gewalt als Notwehr erscheint.47 Der eigene Krieg wird als Schutzaktion für Menschenrechte, Demokratie oder Minderheiten verkauft („Responsibility to Protect“, Kosovo, Libyen, Afghanistan).48 Der Konflikt wird als Kampf „der freien Welt“ gegen Barbarei, Extremismus oder „Anti-Werte“ moralisch aufgeladen. 49
Medien spielen in dieser Konstruktion eine zentrale Rolle: Sie filtern, wiederholen und emotionalisieren Bilder und Botschaften und verschieben so die Wahrnehmung von komplexen, interessengeleiteten Konflikten hin zu moralisch eindimensionalen „Gut gegen Böse“-Geschichten. Wissenschaftliche Analysen sprechen hier von „Medien als Kriegswaffe“, weil Informationspolitik, Public Diplomacy und gezielte Desinformation integrale Bestandteile militärischer Strategien geworden sind. 50
Wenn man verhindern will, dass Imperien weiter Kriege unter moralischer Flagge führen, reichen Appelle an „Dialog“ nicht. Nötig sind Hebel, die sowohl an der Narrativebene als auch an den materiellen Triebkräften ansetzen. Mögliche Ansatzpunkte wären: Entzauberung der Narrative, systematische Medienkritik, Offenlegung von Interessen hinter Kriegsargumenten, Förderung unabhängiger und transnationaler Recherche – also eine Gegenöffentlichkeit, die die moralischen Schleier zerreißt. 51
Medien arbeiten stark mit Personalisierung (böse oder heroische Führerfiguren) und dramatischen Einzelbildern (zerstörte Städte, fliehende Menschen), während die Vorgeschichte des Konflikts und ökonomische Interessen nur randständig vorkommen.
In Europa verschärft sich das noch einmal, weil die EU sich bewusst als „wertebasierter Akteur“ inszeniert: „Wir verteidigen die regelbasierte Ordnung.“ So werden harte Wirtschaftssanktionen, Waffenexporte und militärische Kooperation als moralisch gebotene Maßnahmen hingestellt, gleichzeitig wird aber die eigene Rolle in neokolonialen Wirtschaftsbeziehungen (Rohstoffe, Agrarhandel, Freihandelsabkommen) vor der Öffentlichkeit versteckt. An der Oberfläche wird über Werte, Menschenrechte und Solidarität gestritten, und darunter werden finanzielle und machtpolitische Weichen gestellt (Rüstungsprogramme, Energieinfrastruktur, neue Freihandelsregime), die weit über den konkreten Krieg hinausreichen, aber kaum öffentlich verhandelt werden.
Für eine kritische Praxis in Deutschland/Europa sind deshalb drei Dinge entscheidend:
konsequent nach den Interessen hinter den „Werten“ zu fragen (Wer verdient? Wer gewinnt an Einfluss? Wer verliert?),
historische Doppelstandards sichtbar zu machen (wo gelten Menschenrechte, wo nicht?),
und Mediennarrative systematisch auf Auslassungen zu prüfen (Was wird nicht gezeigt? Welche Stimmen kommen nie vor?).
Kapitalismus, Imperialismus und Krieg – die Systemfrage
Die beschriebenen Narrative sind nicht einfach „Lügen“, sondern funktionale Elemente eines Systems, das auf Konkurrenz, Ungleichheit und Wachstumszwang beruht. Krieg ist in dieser Logik eine extrem zugespitzte Form von Konkurrenz zwischen Staatenblöcken und Kapitalfraktionen. Je weniger die Eliten bereit sind, Macht und Reichtum zu teilen, desto attraktiver wird der zweite Weg:
Migration wird militarisiert („Grenzschutz“, „hybride Kriegsführung“),
soziale Proteste werden als „Sicherheitsrisiko“ behandelt,
äußere Feinde werden konstruiert, um innenpolitische Widersprüche zu überdecken,
und geopolitische Rivalen werden bekämpft, um die eigene Stellung in einer Welt knapper Ressourcen zu sichern.
Damit schließt sich der Kreis: Kapitalismus erzeugt Krisen und Ungleichheit, diese verschärfen Konflikte, Imperien versuchen, ihre Position mit militärischer Macht zu sichern, und ideologisch-narrative Legitimationsstrategien sorgen dafür, dass das Ganze nicht als nackte Gewalt, sondern als moralische Pflicht erscheint.
Hebel gegen den Krieg jenseits moralischer Empörung
Eine kritische Analyse braucht auch den Blick auf Möglichkeiten, die Kriegslogik zu durchbrechen.
Strukturelle Begrenzung von Hegemonie: Je mehr internationale Institutionen tatsächlich Macht begrenzen und Rechtswege eröffnen, desto kleiner wird der Spielraum unilateral agierender Großmächte. Ohne reale Sanktionsfähigkeit auch gegenüber den Mächtigen bleiben sie allerdings Fassade.52
Demokratische Kontrolle und Transparenz: Viele Einsätze werden in parlamentarischen Demokratien durch intransparente Entscheidungswege, Geheimhaltung und „alternativlose“ Bedrohungsszenarien durchgedrückt. Eine Stärkung parlamentarischer und öffentlicher Kontrolle über Rüstungsprogramme, Bündnisverpflichtungen und Auslandseinsätze wäre ein zentraler Hebel.53
Ökonomische Entflechtung von Kriegsökonomien: Sobald Gewaltakteure sich über Ressourcen, Rüstungsexporte oder Schattenökonomien finanzieren, entstehen Interessen an der Fortsetzung des Kriegszustands. Exportkontrolle, Finanzaufsicht und ein anderer Umgang mit kritischen Rohstoffen sind hier Schlüsselfragen.54
Gegen-Narrative und Aufklärung: Das Durchschauen der offiziellen Begründungen ist Voraussetzung für politische Gegenwehr. Ohne ein aufgeklärtes Publikum bleiben Anti-Kriegspositionen marginal und lassen sich leicht als „naiv“ oder „antiwestlich“ diffamieren.55
Was heißt das praktisch für Kritik?
Wenn man beides zusammennimmt – deutsche/europäische Debatte und die Systemlogik – ergeben sich einige Leitfragen, die jede konkrete Kriegsdiskussion politisch schärfen können:
Narrativ prüfen: Welche zentrale Erzählung wird angeboten („Schutz“, „Verteidigung“, „Menschenrechte“)? Was sagt sie, und was lässt sie systematisch weg?
Interessen freilegen: Wer gewinnt materiell und machtpolitisch? Welche Branchen? Welche Staaten? Welche Elitenfraktionen?
Struktur statt Ausnahme: Wird der Krieg als isoliertes Ereignis behandelt oder als Teil eines längerfristigen imperialen/ökonomischen Projekts?
Alternativen sichtbar machen: Welche nicht-militärischen Optionen wurden ignoriert, unterfinanziert oder delegitimiert (Diplomatie, Abrüstung, Entschuldung, gerechtere Wirtschaftsbeziehungen)?
Bereits in schulischer und medialer Bildung werden Kriege oft als Ausnahmeereignisse dargestellt, nicht als systematisch vorbereitete Instrumente von Machtpolitik. Damit wird verhindert, dass breite Mehrheiten überhaupt eine Sprache und eine Analysekompetenz entwickeln, um Strategiepapiere wie TRADOC 525-3-1 als das zu lesen, was sie sind: Bedienungsanleitungen für die militärische Sicherung einer hierarchischen Weltordnung. 56
In der außenpolitischen Praxis vor allem der USA und anderer westlicher Staaten wird die Theorie des demokratischen Friedens seit den 1990er Jahren als Rechtfertigung für bestimmte Strategien benutzt.
Aus „Demokratien führen selten Krieg gegeneinander“ wird „Demokratien sind grundsätzlich friedlich und moralisch überlegen“.
Daraus folgt ein vermeintlicher Imperativ: „Verbreitet Demokratie – und ihr verbreitet Frieden.“
„Demokratisierende“ Militärinterventionen gegen autoritäre Regime erscheinen als legitime oder sogar moralisch gebotene Mittel. 57
Forschungen zur Rolle des „demokratischen Friedens“ als Rechtfertigungsnarrativ zeigen, wie Politiker und Publizisten genau diese verkürzte Lesart nutzen, um militärische Einsätze und Bündnisse zu legitimieren – bis hin zur Idee eines privilegierten „Bundes der Demokratien“ mit Sonderrechten in der Weltordnung. Damit dient die Theorie nicht mehr vorrangig der Analyse, sondern der Identitätspolitik des Westens. 58
Konsolidierte Demokratien führen kaum Kriege gegeneinander.
Demokratie dient als Dekor für eine Open Society, in der für Manipulation und totaler Ausbeutung keine staatlichen Grenzen gesetzt werden können (Beispiel Mafia) Omniwar bezeichnet bei Graham Hughes einen allgegenwärtigen, verdeckten Krieg, der Menschen über Schock, Propaganda und Technologie in ein globales, technokratisches Kontrollsystem überführen soll.
Ziel ist eine tiefgreifende Transformation des Menschen hin zur Mensch-Maschine-Schnittstelle in einem biodigitalen Totalitarismus, in dem Körper, Verhalten und Bewusstsein datenbasiert gesteuert werden können.
Bei Graham Hughes ist Omniwar nicht nur ein Angriff, sondern zielt auf eine weitgehende Transformation des Menschen und der Gesellschaft: Ziel ist der Umbau hin zu einer globalen Technokratie und einem „biodigitalen Totalitarismus“, in dem Körper und Gehirne über Bio-Nano-Technologien und Datennetze angeschlossen und steuerbar werden. Diese Transformation beinhaltet, dass alles, was sich gegen die Öffentlichkeit richten lässt – Informationen, Finanzen, Biologie, Psychologie, Technik – genutzt wird, um Menschen in ein kontrollierbares, datenbasiertes System zu integrieren. 59
Darum haben alle imperialen Mächte Interesse –es scheint weltumspannend zu sein.
1 https://sicherheitspolitik.bpb.de/de/m1/layers/causes-of-violence
2 https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/26277/ursachen-von-konflikten-und-kriegen-im-21-jahrhundert/
3 "Congressional Research Service"
4 https://www.pw.ovgu.de/ipw_media/Geis__Einleitung_Den_Krieg_berdenken_9_43-p-90.pdf
5 https://ntrl.ntis.gov/NTRL/dashboard/searchResults/titleDetail/ADA611359.xhtml
6 https://www.sueddeutsche.de/politik/ueberblick-us-militaereinsaetze-seit-dem-2-weltkrieg-1.636386
7 https://www.abebooks.de/9781695487819/U.S-Army-Operating-Concept-Win-1695487818/plp
8 https://ntrl.ntis.gov/NTRL/dashboard/searchResults/titleDetail/ADA611359.xhtml
9 https://www.scribd.com/document/525118657/TP525-3-1-The-US-Army-in-Multi-Domain-Operations-2018
10 https://www.abebooks.de/9781695487819/U.S-Army-Operating-Concept-Win-1695487818/plp
11 https://ntrl.ntis.gov/NTRL/dashboard/searchResults/titleDetail/ADA611359.xhtml
12 https://www.wsws.org/de/articles/2022/05/30/mine-m30.html
13 https://www.prif.org/publikationen/publikationssuche/publikation/die-theorie-des-demokratischen-friedens
14 https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/47226
15 https://www.his-online.de/forschung/projektdetail/projects/251/
16 https://www.einsteinfoundation.de/en/albert/albert-nr-3-altertumswissenschaften/thukydides
17 https://makroskop.eu/die-thukydides-falle/
18 Max Lenz/ Erich Marcks: Das Bismarck-Jahr , Hamburg 1915, S. 190
19 (französisch sinngemäß „Je suis le père de cette guerre“ bzw. „C’est moi qui suis le père de cette guerre“) https://kpbc.umk.pl/Content/268066/Magazyn_398_POWER_010_11.pdf
20 https://www.welt.de/geschichte/article126782684/Erster-WAAeltkrieg-Der-Kriegseintritt-kostete-England-sein-Empire.html
21 https://geschichtsforum.de/thema/die-militaerischen-besprechungen-zwischen-england-und-frankreich.65438/
22 https://geschichtsforum.de/thema/die-militaerischen-besprechungen-zwischen-england-und-frankreich.65438/
23 https://www.welt.de/geschichte/article126782684/Erster-Weltkrieg-Der-Kriegseintritt-kostete-England-sein-Empire.html
24 https://www.mediathek.at/der-erste-weltkrieg/der-erste-weltkrieg-ausgabe-2/armeen-und-kriegsverlauf/die-franzoesische-armee/
25https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/156351/bedingt-kriegsbereit-kriegserwartungen-in-europa-vor-1914/
26 https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/156351/bedingt-kriegsbereit-kriegserwartungen-in-europa-vor-1914/
27 https://www.vorkriegsgeschichte.de/die-britisch-deutsche-rivalitaet-1900-1914/
28 https://www.welt.de/geschichte/article130626889/Der-Weg-in-den-Krieg-Die-britische-Flotte-wird-in-Bereitschaft-gesetzt.html
29 https://www.alamy.de/kaiser-wilhelm-ii-1859-1941-auf-der-hohenzollernyacht-im-juli-1914-er-verliess-seinen-lieblings-sommerurlaub-auf-dem-sogne-fjord-in-norwegen-um-nach-deutschland-zuruckzukehren-als-die-osterreichisch-serbische-situation-akut-geworden-war-und-drohte-andere-machte-zu-verwickeln-der-ausbruch-des-ersten-weltkriegs-datum-1914-image557105837.html
30 https://www.welt.de/geschichte/article129805764/Vor-dem-Ersten-Weltkrieg-geht-Wilhelm-II-in-Urlaub.html
31 https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kriegsverlauf/tannenberg-1914
32 Wolfgang Effenberger/ Willy Wimmer: Wiederkehr der Hasardeure, Höhr-Grenzhausen 2014, S.267
33 https://www.focus.de/wissen/experts/brenner/serie-die-deutschen-juden-im-ersten-weltkrieg-hoffnung-auf-integration-im-jahr-1914_id_3640607.html
34 https://www.tagesspiegel.de/wissen/von-der-anfeindung-zum-pogrom-7699264.html
35 http://buecher.hagalil.com/oldenbourg/sieg.htm
36 http://buecher.hagalil.com/oldenbourg/sieg.htm
37 https://www.tagesspiegel.de/wissen/von-der-anfeindung-zum-pogrom-7699264.html
38 https://www.demokratiegeschichten.de/god-save-the-king/
39 https://www.welt.de/geschichte/article126782684/Erster-Weltkrieg-Der-Kriegseintritt-kostete-England-sein-Empire.html
40 https://www.dw.com/de/j%C3%BCdische-soldaten-f%C3%BCr-den-kaiser/a-17791852
41 https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/innenpolitik/judenzaehlung-1916
42 https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-judenzaehlung-1916-dolchstoss-und-eisernes-kreuz-100.html
43 https://gsta.preussischer-kulturbesitz.de/fileadmin/user_upload_gsta/02_Content/Texte/03_Schwerpunkte/Bildung_und_Vermittlung_Modul_Propaganda.pdf
44 https://www.spiegel.de/politik/ausland/bundeswehr-fake-news-attacke-gegen-deutsche-soldaten-in-litauen-a-1134925.html
45 https://de.wikipedia.org/wiki/Trialismus
46 http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/wp-content/uploads/2018/08/monitoring-2017-1.pdf
47 https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/27247/medien-als-kriegswaffe/
48 https://zeitschrift-vereinte-nationen.de/publications/PDFs/Zeitschrift_VN/VN_1998/Heft_6_1998/02_Beitrag_Lang_VN_6-98.pdf
49 https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-127589
50 https://wissenschaft-und-frieden.de/artikel/afghanistan-der-krieg-und-die-medien/
51 https://wissenschaft-und-frieden.de/artikel/afghanistan-der-krieg-und-die-medien/
52 https://jaeger.uni-koeln.de/fileadmin/templates/onlinetutorium/IB/Folien_SoSe_2009/11_Kriegsursachen_Hansel.pdf
53 https://www.sueddeutsche.de/politik/ueberblick-us-militaereinsaetze-seit-dem-2-weltkrieg-1.636386
54 https://www.wsws.org/de/articles/2022/05/30/mine-m30.html
55 https://www.politikundunterricht.de/2_14/kriege.pdf
56 https://www.scribd.com/document/525118657/TP525-3-1-The-US-Army-in-Multi-Domain-Operations-2018
57 https://www.his-online.de/forschung/projektdetail/projects/251/
58 https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/30908/der-demokratische-frieden-und-seine-aussenpolitischen-konsequenzen/
59 https://dhughes.substack.com/p/omniwar-exposing-and-ending-the-invisible
Von Wolfgang Effenberger 14.06.2026
Buch: Krieg als System jetzt bestellen
Rede anlässlich der Vorstellung des Buches „Vom Krieg zur Weltordnung. Reden und Essays zu Krieg, Frieden und Geopolitik 2009 – 2026“ am 14. Juni 2026
Veröffentlicht unter afsaneyebahar.com
Kriege entstehen heute weder zufällig noch "aus Versehen" – sie sind fast immer das Ergebnis strukturierter Machtpolitik, ökonomischer Interessen und bewusst aufgebauter Narrative, die Konflikte lange im Voraus vorbereiten. Zugleich bleiben sie eingebettet in tiefer liegende Widersprüche des Welt- und Kapitalismussystems, die militärisch "verwaltet" werden, sobald zivile Steuerung an Grenzen stößt. 1
Imperiale Logik als Machtordnung
Die historische Konfliktforschung ist sich relativ einig: Kriege haben fast nie eine einzige Ursache, sondern entstehen aus einem Bündel von strukturellen Widersprüchen, Interessen und Entscheidungen. Klassisch ist seit Jahrhunderten ein Mix aus: Machtstreben, Kontrolle von Territorien und Ressourcen, ideologische bzw. religiöse Überhöhungen der Konstruktion eines „Feindes“. In modernen imperialen Konstellationen kommt hinzu, dass Großmächte ihre Hegemonie nicht nur verteidigen, sondern aktiv ordnungspolitisch ausdehnen wollen – militärisch, ökonomisch, technologisch und narrativ. 2
So ist die Verhinderung einer regionalen Hegemonie in Eurasien eine Kerndoktrin der US-Geostrategie seit dem 20. Jahrhundert. In Analysen des wissenschaftlichen Dienstes des US-Kongresses3 wird wiederholt betont, dass viele militärische Operationen der USA im 1. und 2. Weltkrieg sowie nach 1945 das Ziel hatten, das Entstehen eines dominanten eurasischen Machtblocks zu verhindern. Diese Linie setzt die klassische Geopolitik von Halford Mackinder fort, der Eurasien als "Weltinsel" und Schlüssel zur
globalen Vorherrschaft beschrieb. 4
Seit 1945 formulieren dies die USA offen in der Logik des "Containment" gegen den sowjetischen Einfluss und später in der Sicherung einer eigenen Einflusssphäre durch Militärbündnisse, Stützpunkte und Interventionsfähigkeit weltweit. In vielen Strategiepapieren wird ganz nüchtern über "Wahrung nationaler Interessen", "Projektion von Macht" und "Zugang zu Märkten/Ressourcen" gesprochen – eine saubere technokratische Sprache für im Kern imperiale Zielsetzungen. 5
Konkret schlägt sich das nieder in einer globalen Militärbasenstruktur von Europa über den Nahen Osten bis Ostasien, in Bündnissystemen wie der NATO oder bilateralen Sicherheitsabkommen in Asien und in wiederkehrenden Interventionen, die das regionale Gleichgewicht zu Gunsten der USA beeinflussen sollen. 6
Offiziell werden diese Einsätze meist mit Menschenrechten, Terrorismusbekämpfung oder Stabilisierung begründet, während interne Dokumente und Strategiepapiere nüchtern von "Vorwärtsverteidigung", "Zugangs- und Projektionsfähigkeit" und "Aufrechterhaltung der regelbasierten Ordnung" sprechen.7
Vom Papier zum Schlachtfeld: TRADOC 525-3-1
TRADOC Pamphlet 525-3-1 "Win in a Complex World 2020–2040" vom September 2014 ist ein Schlüsseldokument, weil es zeigt, wie strategische Ziele in konkrete militärische Planung übersetzt werden. Das Papier beschreibt, wie künftige US-Heereskräfte „als Teil gemeinsamer und multinationaler Operationen“ eingesetzt werden sollen, um US-Interessen global zu schützen. 8
Die Armee soll in allen Domänen – Land, Luft, See, Weltraum, Cyber – gleichzeitig wirken können (multi- domain operations)9 – und befähigt werden, in „komplexen, umstrittenen Umgebungen“ gleichzeitig zu kämpfen, zu stabilisieren und politisch zu beeinflussen. 10
Das Konzept versteht sich ausdrücklich als militärische Ausgestaltung einer globalen Ordnungspolitik. 11
Kriege sind in dieser Logik kein "Versagen der Diplomatie", sondern eine einkalkulierte Option innerhalb eines längerfristigen Designs, wie die USA ihre Vorherrschaft in einer multipolarer werdenden Welt behaupten wollen. Die „Komplexität“ der Welt wird zum technischen Problem erklärt, das durch flexible, hochmobile, weltweit verfügbare Gewaltmittel "gelöst" werden soll. 12
Wie haltbar ist die These vom demokratischen Frieden?
Es wird immer behauptet,13 Demokratien führten untereinander (fast) keine Kriege („separater Frieden“) und seien insgesamt weniger kriegslustig als Nicht-Demokratien. Wenn man den ideologischen Ballast abräumt, bleiben drei nüchterne Einsichten: 14
Man sollte den demokratischen Frieden also nicht als moralische Lizenzkarte für Interventionen missverstehen. Entscheidend ist nicht nur die Regierungsform, sondern die konkrete Macht-, Klassen- und Interessenstruktur – also: Wer hat ökonomische Macht, wer bestimmt Sicherheitsdiskurse, wie stark sind Medien konzentriert, wie autonom sind Parlamente?
Echte Friedensfähigkeit demokratischer Gesellschaften hängt davon ab, ob sie ihre eigenen imperialen Interessen, Rüstungsabhängigkeiten und Bedrohungsnarrative reflektieren und begrenzen können – nicht davon, wie oft sie "Demokratie" sagen.
Die Theorie des demokratischen Friedens ist zumindest teilweise ein Mythos – und sie wird in imperialen Kontexten gezielt genutzt, um Kriege als Mittel zur "Verbreitung des Friedens" zu verkaufen. 15
Der demokratische Frieden kann innerhalb eines hegemonialen Blocks eine relative Ruhezone schaffen, ändert aber nichts an der strukturellen Kriegsgefahr, die aus der machtpolitischen Grundkonstellation von aufsteigenden und etablierten Mächten entsteht („Thukydides-Falle“). Der Ausdruck Thukydides-Falle stammt von Graham Allison und beruht auf Thukydides’ Analyse des Peloponnesischen Kriegs: Der Aufstieg der expansiven, maritimen Demokratiemacht Athen im 5. Jahrhundert v. Chr. war eine
Bedrohung für den konservativ-oligarchischen Militärstaat Sparta.
Übertragen heißt das:16 Wenn eine aufsteigende Macht eine etablierte Hegemonialmacht ernsthaft herausfordert, steigt die Kriegsgefahr massiv. Allison findet in seiner berühmten Studie eine hohe Quote historischer Fälle, in denen der Aufstieg einer Macht zu Krieg mit der alten Hegemonie führte. In der Gegenwart wird dieser Rahmen vor allem auf das Verhältnis USA–China angewandt. 17
Mythos von friedlichen Demokratien am Ersten Weltkrieg entzaubert
1888, als Friedrich III. kurz Kaiser war, flammte die Liebesgeschichte seiner Tochter Viktoria mit Alexander von Battenberg, Fürst von Bulgarien noch einmal auf, scheiterte aber endgültig an Bismarcks Rücktrittsdrohung und am Einspruch von Königin Victoria in London, so dass Viktoria und Alexander nie heirateten. Für Otto von Bismarck war Alexander wegen seiner Konflikte mit Russland außenpolitisch "brandgefährlich", weshalb er beim Kaiser ein Verbot der Ehe durchsetzte, um das Bündnis mit dem Zaren
nicht zu gefährden.
Aus diesen Tagen (7. April 1888) ist von Otto von Bismarck folgendes Zitat überliefert: „Menschlichkeit, Friede und Freiheit ist immer ein Vorwand, wenn es nicht Christentum und Ausbreitung der Segnungen der Gesittung unter Wilden und Halbbarbaren sein kann, zur Abwechslung. In Wahrheit aber schrieben die Times und die Königin im Interesse von England, das mit dem unsern nichts gemein hatte. Das Interesse Englands ist, dass das Deutsche Reich mit Rußland schlecht steht, unser Interesse, dass wir mit ihm so gut stehen, als es der Sachlage nach möglich ist.“ 18
Zur gleichen Zeit hatte Papst Leo XIII. am Heiligen Stuhl den 32jährigen russischen Diplomaten Alexander Petrowitsch Iswolski auf Anregung aus England (15. Duke of Norfolk) als Gesandten akkreditiert, der von hier aus die Annäherung Russlands an Frankreich gezielt und erfolgreich betrieb. Schon im Juli 1891stattete ein französisches Flottengeschwader Kronstadt einen Freundschaftsbesuch ab, im August 1892 wurde zunächst eine geheime Militärkonvention zwischen Russland und Frankreich abgeschlossen,1893 folgte der Gegenbesuch eines russischen Geschwaders in Toulon, was die neue Nähe der beiden Staaten demonstriert. Im Januar 1894 trat dann die Französisch-Russische Allianz als formeller Defensivvertrag in Kraft.
Nach Rom durchlief Iswolski als Gesandter nachfolgende Stationen: Belgrad (kurz), dann München 1897– 1899, Tokio 1899–1903 und Kopenhagen 1903–1906. 1906 berief Zar Nikolaus II. Iswolski zum russischen Außenminister.
Er verfolgte einen Kurs der Annäherung an Großbritannien und schloss 1907 das Abkommen von Sankt Petersburg, das Kolonialkonflikte in Afghanistan, Persien und Tibet regelte und den Weg zur britisch- russischen Verständigung des "Great Game" freimachte. 1910 wurde Iswolski russischer Botschafter in Paris, ein Amt, das er bis zur Revolution 1917 innehatte.
In dieser Zeit setzte er sich energisch für das französisch-russische Bündnis und die Festigung des späteren Kriegsblocks der Alliierten gegen das Deutsche Reich ein. Nach der Russischen Revolution blieb Iswolski im Exil in Frankreich, unterstützte politische und militärische Interventionen gegen Sowjetrussland und blieb bis zu seinem Tod 1919 eine Stimme der monarchistisch-konservativen Emigration. Ihm wird die Aussage zugeschrieben, er sei „der Vater dieses Krieges“. 19
Während Deutschland nach der Reichsgründung 1871 bis zum August 1914 keine Kriege gegen andere Nationen führte, zeichnete sich die britische Kriegführung vor allem im zweiten Burenkrieg (1899-1902) durch besondere Brutalität aus, wobei Konzentrationslager und systematische Zivilinternierung Teil der Kriegsführung waren. 20
Die Erkenntnisse aus dem für England desaströsen Burenkrieg führten 1904 zur Gründung des "Committee of Imperial Defence" (CID), das in der Folge am Parlament vorbei systematisch Pläne für einen kontinentalen Krieg entwickelte. Die Entente Cordiale mit Frankreich 1904 und die Entente mit Russland 1907 schufen ein Bündnissystem, das Deutschland einkreiste. Großbritannien hatte bereits vor 1914 konkrete militärische Planungen für den Einsatz eines Expeditionskorps auf dem Kontinent entwickelt.
Die britische Seeblockade Deutschlands wurde systematisch vorbereitet. Die Royal Navy plante die wirtschaftliche Strangulierung Deutschlands durch die Kontrolle der Seewege. Diese Blockade wurde wenige Wochen nach Kriegsbeginn umgesetzt und führte zur Hungersnot in Deutschland mit Hunderttausenden zivilen Opfern.
Das CID arbeitete weitgehend im Geheimen. Die britische Öffentlichkeit und weite Teile des Parlaments wussten nicht, wie weitreichend die Verpflichtungen gegenüber Frankreich waren.
Die ersten britisch-französischen Sondierungen begannen bereits im Dezember 1905 unmittelbar nach dem Regierungswechsel von der konservativen Regierung Balfour hin zur liberalen Regierung unter Henry Campbell-Bannerman, in der Sir Edward Grey Außenminister (bis 1916) und Herbert Henry Asquith Schatzkanzler wurde.
1908 wurde Asquith dann Premierminister und blieb es bis zur Palastrevolution Anfang Dezember 1916; dabei wurde das Kabinett kurzerhand durch ein fünfköpfiges Kriegskabinett unter David Lloyd George ersetzt. Graue Eminenz in diesem autokratischen Gremium war Alfred Milner, ehemalige rechte Hand von Cecil Rhodes und Drahtzieher des 2. Burenkriegs (daher gibt es unter britischen Historikern auch die Bezeichnung „Milners first war“ und der 1. Weltkrieg „Milners second war“). Dieses kleine Fünfer-Gremium traf nun die zentralen Entscheidungen zur Kriegsführung.
Schon am 19. Dezember 1905 hatte im Reichsverteidigungsausschuss ein entscheidendes Treffen stattgefunden mit John French, Clarke, Lord Esher und Carles Ottley, der unmittelbar an Planung, Lagebeurteilungen und Geheimdienstfragen der britischen Seemacht beteiligt war. Die Konferenz kam zu dem Schluss, dass durch die Landung eines britischen Expeditionskorps in der Stärke von 100.000 Mann an der französischen Küste die beste Aussicht bestünde, das Kriegsgeschehen im eigenen Sinne zu beeinflussen. Dies geschah bereits 1905 – neun Jahre vor Kriegsausbruch. Die Planungen reichten also tatsächlich sehr weit zurück. 21
Ab 1906 führte auf britischer Seite Grierson, Leiter des militärischen Nachrichtendienstes, Gespräche mit dem französischen Militärattaché Huguet. Grierson teilte Huguet bereits die Einzelheiten der britischen Vorbereitungen für einen Krieg mit Deutschland mit und stellte klar, dass Großbritannien in einem französisch-deutschen Krieg nicht neutral bleiben werde. Die offiziellen Gespräche begannen im Januar 1906 mit dem Segen von Außenminister Grey, aber ohne Wissen der Regierung und des Unterhauses. 22
Die Brisanz lag nicht nur im Inhalt dieser Gespräche, sondern vor allem darin, dass sie vor dem britischen Parlament geheim gehalten wurden.23 Die britische Öffentlichkeit glaubte weitgehend, dass ihr Land keine festen Verpflichtungen gegenüber Frankreich habe, während die Generalstäbe längst detaillierte Kriegspläne ausgearbeitet hatten. 24
Französische Perspektive
Auf französischer Seite war man sich 1914 sehr klar über die bevorstehende Konfrontation. Präsident Poincaré erklärte im Januar 1914: "In zwei Jahren wird der Krieg stattfinden. All mein Trachten ist darauf gerichtet, uns dafür zu wappnen". Sein Generalstabschef ließ gegenüber den verbündeten Briten verlauten, "dass es für Frankreich besser sein würde, wenn der Konflikt nicht zu lange herausgeschoben würde". 25
Frankreich schloss mit Russland zahlreiche Militärkonventionen, da man davon ausging, Deutschland nur in einem Zweifrontenkrieg schlagen zu können. Die französische Regierung schürte 1913 gezielt die Angst vor einem deutschen Überraschungsangriff (attaque brusquée), um die Unterstützung für große Armeerüstungen zu gewinnen. 26
Entente cordiale – ab 1906 – de-facto-Militärbündnis gegen Deutschland
Die Militärgespräche zeigen, dass die Entente cordiale bereits ab 1906 faktisch zu einem Militärbündnis gegen Deutschland wurde. Die französischen und britischen Generalstäbe planten bereits den gemeinsamen Kampf gegen das Deutsche Reich, während die britische Regierung dies nach außen hin bestritt.27 Die jahrelangen systematischen Vorbereitungen stehen im Gegensatz zur Darstellung eines spontanen, durch die Julikrise ausgelösten Krieges. Sie belegen vielmehr eine langfristige strategische Planung für einen Krieg gegen Deutschland, der acht bis neun Jahre vor seinem Ausbruch bereits in konkreten militärischen Details vorbereitet wurde.
Wenige Tage nach dem Attentat von Sarajewo konzentrierte ab Mitte Juli der erste Lord der Admiralität Churchill 24 moderne Großkampfschiffe zum Manöver auf See. Nach dem Ende des Manövers am 28.
Juli 1914 entließ Churchill die Schiffe nicht wie üblich in die Friedensstützpunkte, sondern befahl volle Bereitschaft. Das war eindeutig eine offensive Maßnahme. Churchill beabsichtigte ausdrücklich ein "politisches Signal" – die Drohung mit militärischer Macht. 28
Die Fakten zeigen eine klare Asymmetrie: Wilhelm II. trat am 6. Juli seine traditionelle Nordlandreise nach Norwegen an, die er erst mit Churchills "politischem Signal" abbrach. Dies belegt, dass die deutsche Führung nicht mit einer unmittelbaren Kriegsgefahr rechnete.29 Während Deutschland bis dahin von einer diplomatischen Lösung ausging, hatten die Entente-Mächte Russland zu einem Vormarsch gedrängt, der noch vor der vollständigen Mobilmachung begann. 30
Der russische Vormarsch auf "Drängen der westlichen Entente-Staaten" vor dem Abschluss der eigenen Mobilmachung belegt eine koordinierte Planung. Russland opferte taktische Vorteile (vollständige Mobilmachung) zugunsten des strategischen Ziels, Deutschland sofort unter Druck zu setzen. Dies war nur sinnvoll im Rahmen einer abgestimmten Gesamtstrategie mit Frankreich und Großbritannien.31 Als Grey am 3. August 1914 vor dem Parlament sprach, verheimlichte er wichtige Details der Absprachen.
Einen Tag später erklärte England um 23:30 Deutschland den Krieg und schon in den ganz frühen Morgenstunden operierte die britische Marine vor Emden und schnitt aus dem deutsch-amerikanischen Atlantikkabel 100 Meter heraus.
Jüdische Perspektive und Judenzählung
Am 7. August 1914: 2 Tage nach der britischen Kriegserklärung an Deutschland war in der Jüdischen Rundschau der Aufruf zu lesen: Deutsche Juden!
„In dieser Stunde gilt es für uns aufs neue zu zeigen, dass wir stammesstolzen Juden zu den besten Söhnen des Vaterlandes gehören. Der Adel unserer viertausendjährigen Geschichte verpflichtet. Wir erwarten, dass unsere Jugend freudigen Herzens freiwillig zu den Fahnen eilt…“
In Tunis wurde das Ehepaar Feuchtwanger vom Kriegsausbruch überrascht und dort interniert. Lion Feuchtwanger, Sohn eines orthodox-jüdischen, deutsch patriotischen großbürgerlichen Margarinefabrikanten, entkam und schlug sich nach München durch, wo er unverzüglich seinen Militärdienst antrat.
„...[M]it einem starken Glücksgefühl, mit leuchtenden Augen ... im Augenblick einer nationalen Erhebung ohnegleichen eilten auch alle jene zu den Fahnen, „die sich im deutschen Vaterland zur mosaischen Religion bekennen,“
schrieb am 4. September 1914 Magarete Marasse auf der Titelseite der Allgemeinen Zeitung des Judentums unter der Überschrift "Der heilige Krieg" über die Stimmung der jüdischen Bürger im Kaiserreich:
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Auch US-amerikanische jüdische Zeitungen kritisierten 1914 England scharf für seine Unterstützung des barbarischen russischen Autokratenregimes. So bedauerte der "Reform Advocate", dass „der englische Feinsinn und Franzosen mit den Russen zusammengehen. "The American Israelite" schrieb: „Die Einmischung Englands in einen Kampf, dessen Hauptzweck die Erhaltung des Kosakenherrschaft ist, mit ihrer Beugung jedes menschlichen Fortschritts, wäre eine solche furchtbare Schmach für die Menschheit wie für die englischen Interessen, dass wir kaum daran zu denken wagen.“ 32
Für die deutschen und österreichischen Juden ging es im Krieg gegen das Zarenreich auch um die Befreiung der russischen Juden von dem Joch des Zaren. Im Zarenreich waren die Juden nicht nur systematisch unterdrückt, sondern auch Opfer gewalttätiger Pogrome geworden. Über zwei Millionen russischer Juden waren in den Jahrzehnten vor dem Krieg nach Amerika geflüchtet.33 Viele deutsche Juden sahen den Krieg gegen Russland als unabdingbare Notwendigkeit, um der Unterdrückung der osteuropäischen Juden durch den Zaren entgegenzuwirken.
Der moralische Widerspruch des britischen Bündnisses
Der Widerspruch war tatsächlich eklatant: Großbritannien, das sich als konstitutionelle Demokratie und Hort der Freiheit darstellte, verbündete sich mit dem despotischen Zarenreich, das für systematische Judenverfolgung, Pogrome und die Verweigerung grundlegender Menschenrechte bekannt war. Die russische Revolution von 1905 hatte gezeigt, wie brutal das zaristische Regime mit Minderheiten umging.34 Gleichzeitig führte dieses demokratische England Krieg gegen das Deutsche Kaiserreich, das trotz seiner autoritären Züge ein Rechtsstaat mit allgemeinem Männerwahlrecht, einem gewählten Parlament und rechtlicher Gleichstellung der Juden war. Deutsche Juden waren gleichberechtigte Staatsbürger mit Zugang zu Bildung, Wirtschaft und Kultur. 35
Die nachgewiesene direkte Verwicklung serbischer Militärs und Geheimdienststrukturen in das Attentat vom 28. Juni 1914 lässt das österreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien, das die Aufklärung dieser Verbindungen forderte, heute in einem anderen Licht erscheinen. 30 Tage nach dem Attentat erklärte Österreich bei eindeutiger Beweislage Serbien den Krieg. Zum Vergleich: Die USA griffen nur 27 Tage nach 9/11 Afghanistan an und hinterließen nach 20 Jahren nur verbrannte Erde. Bis heute konnte Afghanistan keine Verwicklung in das Attentat nachgewiesen werden.
Der Kontrast hätte 1914 kaum größer sein können: Während im Deutschen Kaiserreich rechtliche Gleichstellung, Zugang zu Bildung und höheren Berufen und kulturelle Blüte des deutsch-jüdischen Lebens herrschte, trotz fortbestehender Vorurteile in Teilen der Gesellschaft,36 gab es im Zarenreich systematische Unterdrückung, Pogrome mit staatlicher Duldung oder Beteiligung, Ansiedlungsbeschränkungen (Pale of Settlement) und massive Auswanderung. 37
Im Gegensatz zum Zarenreich gab es im hochgradig pluralistischen Kaiserreich mit einem modernen Parteiensystem gesellschaftliche Demokratisierungstendenzen. Im Gegensatz zu England war das Wahlrecht nicht eingeschränkt (dort war nur ein Drittel der erwachsenen Männer wahlberechtigt). Bei den Wahlen 1910 gewann Labour nur 6% der Sitze im Unterhaus. Trotz eingeschränkten Wahlrechts hatte das Parlament die zentrale politische Macht. 38
Im Gegensatz zu England befand sich Deutschland in einer strategisch schwierigen Mittellage zwischen Frankreich und Russland. Diese Einkreisungssituation prägte die deutsche Sicherheitspolitik fundamental. Anders als Großbritannien, das als Inselreich durch die Royal Navy geschützt war, musste Deutschland potenzielle Zweifrontenkriege einkalkulieren. 39
Wie konnte die "demokratische" Entente mit einem Regime verbündet sein, das Pogrome duldete und Millionen Juden zur Flucht zwang, während sie gleichzeitig gegen ein Land kämpfte, in dem Juden als gleichberechtigte Staatsbürger lebten und sich als Teil der Nation verstanden? Diese Paradoxie wurde von jüdischen Intellektuellen durchaus wahrgenommen, auch wenn sie in der offiziellen Kriegspropaganda beider Seiten ausgeblendet wurde. Die Tatsache, dass Großbritannien und Frankreich den zaristischen Despotismus als Bündnispartner gegen das konstitutionelle Deutsche Kaiserreich akzeptierten, offenbarte, dass geopolitische Machtinteressen die moralischen Prinzipien deutlich überwogen.
Die treibenden Kräfte hinter der Judenzählung
Die "Judenzählung" war das Ergebnis eines politischen Kräftezerrens, an dessen Ende der Erlass des Preußischen Kriegsministeriums stand. Antisemitische Organisationen wie der "Trutz und Schutz Bund" und der "Reichshammerbund" nutzten die Kriegsmüdigkeit, um die Verantwortung für den desolaten Zustand den Juden zuzuschieben.40 Die Initiative zur "Judenzählung" im kaiserlichen Heer 1916 kam offiziell als Reaktion auf angeblich in weiten Kreisen der Bevölkerung erhobene Vorwürfe gegen angebliche Drückebergerei der Juden im Heer.
Aber wer genau streute diese Gerüchte? Wer finanzierte und organisierte die antisemitischen Verbände, die 1916 plötzlich so aktiv wurden?41 Die Judenzählung hatte eine verheerende Wirkung: Sie trieb einen Keil zwischen deutsche Juden und nichtjüdische Deutsche genau zu einem Zeitpunkt, als die deutsche Kriegsanstrengung maximale innere Einheit erfordert hätte.42 Wer profitierte davon?
Die Entente-Mächte, insbesondere Großbritannien, betrieben umfangreiche Propaganda- und Desinformationskampagnen gegen Deutschland. Es wäre naiv anzunehmen, dass diese sich nur auf neutrale Länder konzentrierten und nicht versuchten, auch innerhalb Deutschlands Zwietracht zu säen.
Die Tatsache, dass die antisemitische Propaganda ausgerechnet 1916 – im kritischsten Kriegsjahr – so massiv auftrat, ist auffällig. 1916 war auch das Jahr, in dem die materielle Überlegenheit der Entente zunehmend zum Tragen kam und Deutschland unter maximalen Druck geriet.
Finanzierung antisemitischer Verbände
Die Frage, wer die antisemitischen Organisationen finanzierte, die 1916 so aktiv wurden, ist historisch nicht vollständig geklärt. Es gab im Kaiserreich sicherlich einheimische antisemitische Strömungen, aber die plötzliche Intensivierung und Koordination der Kampagne gegen jüdische Soldaten wirft Fragen auf.
Hätten ausländische Geheimdienste ein Interesse gehabt, solche Organisationen zu unterstützen oder zu instrumentalisieren? Die Antwort ist eindeutig ja – jede Spaltung der deutschen Gesellschaft diente den Kriegszielen der Entente.
Die empörte Reaktion Kaiser Wilhelms II., der den verantwortlichen General sofort an die Front kommandierte, deutet darauf hin, dass die Maßnahme nicht von der obersten Staatsführung ausging, sondern von Kräften innerhalb des Militärapparats initiiert wurde, die möglicherweise manipuliert oder infiltriert waren.
Wilhelm II. erkannte offenbar die destruktive Wirkung dieser Maßnahme auf die nationale Einheit und versuchte, sie zu unterbinden. Dies spricht dafür, dass die Initiative tatsächlich von Kräften ausging, die nicht im deutschen Staatsinteresse handelten.
Die Zerschlagung Deutschlands als kontinentale Macht war ein britisches Kriegsziel. Die dauerhafte Schwächung und innere Zerrüttung Deutschlands durch die Saat des Misstrauens zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen diente diesem Ziel perfekt.
Die historische Forschung hat sich bisher wenig mit der Frage beschäftigt, ob und inwieweit ausländische Geheimdienste die antisemitische Propaganda von 1916 befeuerten oder gar initiierten. Die deutsche Militärführung im Ersten Weltkrieg hatte durchaus Strukturen zur Abwehr feindlicher Propaganda, reagierte jedoch insgesamt zu defensiv und erkannte die Bedrohung durch Zersetzungspropaganda zu spät. Die deutsche Propaganda arbeitete kaum mit der Dämonisierung der Gegner. Das Selbstverständnis der Deutschen als Kulturvolk sollte betont werden. 43
Die modernen Beispiele zeigen, wie Geheimdienste heute arbeiten: Gezielte Fake-News-Kampagnen gegen deutsche Soldaten in Litauen, etwa erfundene Vergewaltigungsvorwürfe oder angebliche Friedhofsschändungen. Die NATO reagiert heute sofort mit Untersuchungen und öffentlichen Richtigstellungen. 44 Im Ersten Weltkrieg fehlte diese schnelle, institutionalisierte Reaktionsfähigkeit. Die deutsche Militärführung war nicht darauf vorbereitet, dass der Feind systematisch versuchte, die deutsche Gesellschaft von innen zu zersetzen.
Cui bono? Wer hatte Interesse, den Österreichisch-ungarischen Thronfolger zu ermorden?
Ein trialistisches Österreich-Ungarn unter Franz Ferdinand hätte die südslawischen Völker integriert und damit sowohl Serbiens großserbische Ambitionen als auch Russlands panslawistische Politik konterkariert. Für die Entente, insbesondere Großbritannien und Frankreich, die auf russische Unterstützung gegen Deutschland setzten, wäre ein solches reformiertes Österreich-Ungarn problematisch gewesen. Ein slawenfreundlicher Franz Ferdinand als Kaiser hätte tatsächlich die Slawen gegen Russland positionieren können. Sein Tod beseitigte diese Möglichkeit.
Am 20. Juli 1917 – drei Jahre nach dem Attentat – unterzeichneten der serbische Premier Nikola Pašić unter britischer und französischer Patronage auf Korfu eine Vereinbarung über die Gründung eines vereinigten Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen unter der Herrschaft der serbischen Karađorđević-Dynastie. Die Entente-Mächte förderten aktiv die Zerschlagung Österreich-Ungarns und die Schaffung eines südslawischen Vielvölker-Staates. Das Datum – Juli 1917 – zeigt, dass dies kein nachträglicher Gedanke war, sondern ein aktives Kriegsziel während des Konflikts, das stringent verfolgt wurde: Bereits unter Edward VII. wurde die britische Außenpolitik neu ausgerichtet. Die Entente cordiale mit Frankreich (1904) und die Triple Entente mit Russland (1907) zielten auf die Einkreisung Deutschlands.
Die Ermordung Franz Ferdinands beseitigte den wichtigsten Befürworter einer föderativen, slawenfreundlichen Lösung innerhalb Österreich-Ungarns. Mit seinem Tod wurde der Weg frei für eine harte Konfrontationslinie gegenüber Serbien und letztlich für den Krieg, der zur Zerschlagung Österreich- Ungarns führte – genau das Ergebnis, das die Deklaration von Korfu 1917 formalisierte.45 Die Tatsache, dass serbische Militärs und Geheimdienste die Attentäter ausbildeten, während gleichzeitig die Entente- Mächte ein vitales Interesse an der Zerschlagung Österreich-Ungarns hatten, wirft Fragen auf, die in der offiziellen Geschichtsschreibung oft ausgeblendet werden.
Inzwischen scheint sich die amerikanische Sicht auf die Konflikte des 20. Jahrhunderts gewandelt zu haben. Der US-Geschichtsprofessor Paul Chamberlin wirft in seinem aktuellen und vielbeachteten Werk "Sorched Earth: A Global History of World War II" jedenfalls einen radikal neuen Blick auf den Zweiten Weltkrieg. Er sieht ihn nicht als Kampf zwischen Gut und Böse, sondern als brutalen Konflikt zwischen imperialen Mächten – auf allen Seiten. Chamberlin zeigt, dass sich die Alliierten und die Achsenmächte in ihrer kolonialen Ideologie, ihren Kriegsverbrechen und ihrem Umgang mit der Zivilbevölkerung oft erschreckend ähnlich waren. Diese Sichtweise darf problemlos auf den Ersten Weltkrieg übertragen werden.
Zur heutigen Kriegslegitimation
Die heutigen Kriege werden selten offen mit Macht, Territorium oder Profit begründet, sondern mit Erzählungen über Sicherheit, Werte, Menschenrechte und „Verantwortung“. Narrative sind dabei keine Dekoration, sondern zentrale Werkzeuge, um Unterstützung zu mobilisieren, Widerstand zu brechen und Widersprüche zu verdecken.46 Der Gegner wird als existenzielle Gefahr dargestellt („Terroristen“, „Schurkenstaat“, „Völkermord droht“), sodass militärische Gewalt als Notwehr erscheint.47 Der eigene Krieg wird als Schutzaktion für Menschenrechte, Demokratie oder Minderheiten verkauft („Responsibility to Protect“, Kosovo, Libyen, Afghanistan).48 Der Konflikt wird als Kampf „der freien Welt“ gegen Barbarei, Extremismus oder „Anti-Werte“ moralisch aufgeladen. 49
Medien spielen in dieser Konstruktion eine zentrale Rolle: Sie filtern, wiederholen und emotionalisieren Bilder und Botschaften und verschieben so die Wahrnehmung von komplexen, interessengeleiteten Konflikten hin zu moralisch eindimensionalen „Gut gegen Böse“-Geschichten. Wissenschaftliche Analysen sprechen hier von „Medien als Kriegswaffe“, weil Informationspolitik, Public Diplomacy und gezielte Desinformation integrale Bestandteile militärischer Strategien geworden sind. 50
Wenn man verhindern will, dass Imperien weiter Kriege unter moralischer Flagge führen, reichen Appelle an „Dialog“ nicht. Nötig sind Hebel, die sowohl an der Narrativebene als auch an den materiellen Triebkräften ansetzen. Mögliche Ansatzpunkte wären: Entzauberung der Narrative, systematische Medienkritik, Offenlegung von Interessen hinter Kriegsargumenten, Förderung unabhängiger und transnationaler Recherche – also eine Gegenöffentlichkeit, die die moralischen Schleier zerreißt. 51
Medien arbeiten stark mit Personalisierung (böse oder heroische Führerfiguren) und dramatischen Einzelbildern (zerstörte Städte, fliehende Menschen), während die Vorgeschichte des Konflikts und ökonomische Interessen nur randständig vorkommen.
In Europa verschärft sich das noch einmal, weil die EU sich bewusst als „wertebasierter Akteur“ inszeniert: „Wir verteidigen die regelbasierte Ordnung.“ So werden harte Wirtschaftssanktionen, Waffenexporte und militärische Kooperation als moralisch gebotene Maßnahmen hingestellt, gleichzeitig wird aber die eigene Rolle in neokolonialen Wirtschaftsbeziehungen (Rohstoffe, Agrarhandel, Freihandelsabkommen) vor der Öffentlichkeit versteckt. An der Oberfläche wird über Werte, Menschenrechte und Solidarität gestritten, und darunter werden finanzielle und machtpolitische Weichen gestellt (Rüstungsprogramme, Energieinfrastruktur, neue Freihandelsregime), die weit über den konkreten Krieg hinausreichen, aber kaum öffentlich verhandelt werden.
Für eine kritische Praxis in Deutschland/Europa sind deshalb drei Dinge entscheidend:
Kapitalismus, Imperialismus und Krieg – die Systemfrage
Die beschriebenen Narrative sind nicht einfach „Lügen“, sondern funktionale Elemente eines Systems, das auf Konkurrenz, Ungleichheit und Wachstumszwang beruht. Krieg ist in dieser Logik eine extrem zugespitzte Form von Konkurrenz zwischen Staatenblöcken und Kapitalfraktionen. Je weniger die Eliten bereit sind, Macht und Reichtum zu teilen, desto attraktiver wird der zweite Weg:
Damit schließt sich der Kreis: Kapitalismus erzeugt Krisen und Ungleichheit, diese verschärfen Konflikte, Imperien versuchen, ihre Position mit militärischer Macht zu sichern, und ideologisch-narrative Legitimationsstrategien sorgen dafür, dass das Ganze nicht als nackte Gewalt, sondern als moralische Pflicht erscheint.
Hebel gegen den Krieg jenseits moralischer Empörung
Eine kritische Analyse braucht auch den Blick auf Möglichkeiten, die Kriegslogik zu durchbrechen.
Was heißt das praktisch für Kritik?
Wenn man beides zusammennimmt – deutsche/europäische Debatte und die Systemlogik – ergeben sich einige Leitfragen, die jede konkrete Kriegsdiskussion politisch schärfen können:
Bereits in schulischer und medialer Bildung werden Kriege oft als Ausnahmeereignisse dargestellt, nicht als systematisch vorbereitete Instrumente von Machtpolitik. Damit wird verhindert, dass breite Mehrheiten überhaupt eine Sprache und eine Analysekompetenz entwickeln, um Strategiepapiere wie TRADOC 525-3-1 als das zu lesen, was sie sind: Bedienungsanleitungen für die militärische Sicherung einer hierarchischen Weltordnung. 56
In der außenpolitischen Praxis vor allem der USA und anderer westlicher Staaten wird die Theorie des demokratischen Friedens seit den 1990er Jahren als Rechtfertigung für bestimmte Strategien benutzt.
Aus „Demokratien führen selten Krieg gegeneinander“ wird „Demokratien sind grundsätzlich friedlich und moralisch überlegen“.
Daraus folgt ein vermeintlicher Imperativ: „Verbreitet Demokratie – und ihr verbreitet Frieden.“
„Demokratisierende“ Militärinterventionen gegen autoritäre Regime erscheinen als legitime oder sogar moralisch gebotene Mittel. 57
Forschungen zur Rolle des „demokratischen Friedens“ als Rechtfertigungsnarrativ zeigen, wie Politiker und Publizisten genau diese verkürzte Lesart nutzen, um militärische Einsätze und Bündnisse zu legitimieren – bis hin zur Idee eines privilegierten „Bundes der Demokratien“ mit Sonderrechten in der Weltordnung. Damit dient die Theorie nicht mehr vorrangig der Analyse, sondern der Identitätspolitik des Westens. 58
Konsolidierte Demokratien führen kaum Kriege gegeneinander.
Demokratie dient als Dekor für eine Open Society, in der für Manipulation und totaler Ausbeutung keine staatlichen Grenzen gesetzt werden können (Beispiel Mafia) Omniwar bezeichnet bei Graham Hughes einen allgegenwärtigen, verdeckten Krieg, der Menschen über Schock, Propaganda und Technologie in ein globales, technokratisches Kontrollsystem überführen soll.
Ziel ist eine tiefgreifende Transformation des Menschen hin zur Mensch-Maschine-Schnittstelle in einem biodigitalen Totalitarismus, in dem Körper, Verhalten und Bewusstsein datenbasiert gesteuert werden können.
Bei Graham Hughes ist Omniwar nicht nur ein Angriff, sondern zielt auf eine weitgehende Transformation des Menschen und der Gesellschaft: Ziel ist der Umbau hin zu einer globalen Technokratie und einem „biodigitalen Totalitarismus“, in dem Körper und Gehirne über Bio-Nano-Technologien und Datennetze angeschlossen und steuerbar werden. Diese Transformation beinhaltet, dass alles, was sich gegen die Öffentlichkeit richten lässt – Informationen, Finanzen, Biologie, Psychologie, Technik – genutzt wird, um Menschen in ein kontrollierbares, datenbasiertes System zu integrieren. 59
Darum haben alle imperialen Mächte Interesse –es scheint weltumspannend zu sein.
1 https://sicherheitspolitik.bpb.de/de/m1/layers/causes-of-violence
2 https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/26277/ursachen-von-konflikten-und-kriegen-im-21-jahrhundert/
3 "Congressional Research Service"
4 https://www.pw.ovgu.de/ipw_media/Geis__Einleitung_Den_Krieg_berdenken_9_43-p-90.pdf
5 https://ntrl.ntis.gov/NTRL/dashboard/searchResults/titleDetail/ADA611359.xhtml
6 https://www.sueddeutsche.de/politik/ueberblick-us-militaereinsaetze-seit-dem-2-weltkrieg-1.636386
7 https://www.abebooks.de/9781695487819/U.S-Army-Operating-Concept-Win-1695487818/plp
8 https://ntrl.ntis.gov/NTRL/dashboard/searchResults/titleDetail/ADA611359.xhtml
9 https://www.scribd.com/document/525118657/TP525-3-1-The-US-Army-in-Multi-Domain-Operations-2018
10 https://www.abebooks.de/9781695487819/U.S-Army-Operating-Concept-Win-1695487818/plp
11 https://ntrl.ntis.gov/NTRL/dashboard/searchResults/titleDetail/ADA611359.xhtml
12 https://www.wsws.org/de/articles/2022/05/30/mine-m30.html
13 https://www.prif.org/publikationen/publikationssuche/publikation/die-theorie-des-demokratischen-friedens
14 https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/47226
15 https://www.his-online.de/forschung/projektdetail/projects/251/
16 https://www.einsteinfoundation.de/en/albert/albert-nr-3-altertumswissenschaften/thukydides
17 https://makroskop.eu/die-thukydides-falle/
18 Max Lenz/ Erich Marcks: Das Bismarck-Jahr , Hamburg 1915, S. 190
19 (französisch sinngemäß „Je suis le père de cette guerre“ bzw. „C’est moi qui suis le père de cette guerre“) https://kpbc.umk.pl/Content/268066/Magazyn_398_POWER_010_11.pdf
20 https://www.welt.de/geschichte/article126782684/Erster-WAAeltkrieg-Der-Kriegseintritt-kostete-England-sein-Empire.html
21 https://geschichtsforum.de/thema/die-militaerischen-besprechungen-zwischen-england-und-frankreich.65438/
22 https://geschichtsforum.de/thema/die-militaerischen-besprechungen-zwischen-england-und-frankreich.65438/
23 https://www.welt.de/geschichte/article126782684/Erster-Weltkrieg-Der-Kriegseintritt-kostete-England-sein-Empire.html
24 https://www.mediathek.at/der-erste-weltkrieg/der-erste-weltkrieg-ausgabe-2/armeen-und-kriegsverlauf/die-franzoesische-armee/
25https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/156351/bedingt-kriegsbereit-kriegserwartungen-in-europa-vor-1914/
26 https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/156351/bedingt-kriegsbereit-kriegserwartungen-in-europa-vor-1914/
27 https://www.vorkriegsgeschichte.de/die-britisch-deutsche-rivalitaet-1900-1914/
28 https://www.welt.de/geschichte/article130626889/Der-Weg-in-den-Krieg-Die-britische-Flotte-wird-in-Bereitschaft-gesetzt.html
29 https://www.alamy.de/kaiser-wilhelm-ii-1859-1941-auf-der-hohenzollernyacht-im-juli-1914-er-verliess-seinen-lieblings-sommerurlaub-auf-dem-sogne-fjord-in-norwegen-um-nach-deutschland-zuruckzukehren-als-die-osterreichisch-serbische-situation-akut-geworden-war-und-drohte-andere-machte-zu-verwickeln-der-ausbruch-des-ersten-weltkriegs-datum-1914-image557105837.html
30 https://www.welt.de/geschichte/article129805764/Vor-dem-Ersten-Weltkrieg-geht-Wilhelm-II-in-Urlaub.html
31 https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kriegsverlauf/tannenberg-1914
32 Wolfgang Effenberger/ Willy Wimmer: Wiederkehr der Hasardeure, Höhr-Grenzhausen 2014, S.267
33 https://www.focus.de/wissen/experts/brenner/serie-die-deutschen-juden-im-ersten-weltkrieg-hoffnung-auf-integration-im-jahr-1914_id_3640607.html
34 https://www.tagesspiegel.de/wissen/von-der-anfeindung-zum-pogrom-7699264.html
35 http://buecher.hagalil.com/oldenbourg/sieg.htm
36 http://buecher.hagalil.com/oldenbourg/sieg.htm
37 https://www.tagesspiegel.de/wissen/von-der-anfeindung-zum-pogrom-7699264.html
38 https://www.demokratiegeschichten.de/god-save-the-king/
39 https://www.welt.de/geschichte/article126782684/Erster-Weltkrieg-Der-Kriegseintritt-kostete-England-sein-Empire.html
40 https://www.dw.com/de/j%C3%BCdische-soldaten-f%C3%BCr-den-kaiser/a-17791852
41 https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/innenpolitik/judenzaehlung-1916
42 https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-judenzaehlung-1916-dolchstoss-und-eisernes-kreuz-100.html
43 https://gsta.preussischer-kulturbesitz.de/fileadmin/user_upload_gsta/02_Content/Texte/03_Schwerpunkte/Bildung_und_Vermittlung_Modul_Propaganda.pdf
44 https://www.spiegel.de/politik/ausland/bundeswehr-fake-news-attacke-gegen-deutsche-soldaten-in-litauen-a-1134925.html
45 https://de.wikipedia.org/wiki/Trialismus
46 http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/wp-content/uploads/2018/08/monitoring-2017-1.pdf
47 https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/27247/medien-als-kriegswaffe/
48 https://zeitschrift-vereinte-nationen.de/publications/PDFs/Zeitschrift_VN/VN_1998/Heft_6_1998/02_Beitrag_Lang_VN_6-98.pdf
49 https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-127589
50 https://wissenschaft-und-frieden.de/artikel/afghanistan-der-krieg-und-die-medien/
51 https://wissenschaft-und-frieden.de/artikel/afghanistan-der-krieg-und-die-medien/
52 https://jaeger.uni-koeln.de/fileadmin/templates/onlinetutorium/IB/Folien_SoSe_2009/11_Kriegsursachen_Hansel.pdf
53 https://www.sueddeutsche.de/politik/ueberblick-us-militaereinsaetze-seit-dem-2-weltkrieg-1.636386
54 https://www.wsws.org/de/articles/2022/05/30/mine-m30.html
55 https://www.politikundunterricht.de/2_14/kriege.pdf
56 https://www.scribd.com/document/525118657/TP525-3-1-The-US-Army-in-Multi-Domain-Operations-2018
57 https://www.his-online.de/forschung/projektdetail/projects/251/
58 https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/30908/der-demokratische-frieden-und-seine-aussenpolitischen-konsequenzen/
59 https://dhughes.substack.com/p/omniwar-exposing-and-ending-the-invisible
Wolfgang Effenberger